Reiseeindrücke einer Persienrundfahrt

© Claudia Stülzebach

Iran-Karte

Route vom 19.-31.5.2015

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Bis zum letzten Tag vor der Abfahrt erhielt ich diverse „Reisewarnungen“ aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Bist du völlig verrückt geworden! Als Frau, noch dazu blond, völlig blauäugig (im wahrsten Sinne des Wortes), alleine als Reisebegleitung nach Persien / Iran? Das kann nicht gut gehen. Die nehmen dich doch als Frau gar nicht für voll!

1. Tag, Anreise, erste Eindrücke

Am 19. Mai war es soweit. Morgens um 8 Uhr stand das Taxi vor der Tür und brachte mich zur Bus-Sammelstelle nach Eisenach. Im Bus saßen „meine“ erwartungsfrohen 23 Reiseteilnehmer. Nach kurzer Begrüßung stellte sich heraus, alle unternehmungslustige, weitgereiste und welterfahrene Globetrotter. Um 15:20 Uhr startete unser Flieger von Frankfurt in Richtung Dubai. 23:35 Uhr Ortszeit Ankunft in Dubai. Zwischenaufenthalt, 0:50 Uhr Abflug und 3:30 Uhr Ortszeit Ankunft in Teheran.

Insgesamt mussten wir die Uhren 2,5 h vorstellen. Der Unterschied zum europäisch-westlichen Kleidungsstil ist unmittelbar nach der Landung deutlich zu erkennen. Noch im Flieger verschwinden plötzlich die Haare der Frauen unter Kopftüchern, werden sich hastig Socken über die Knöchel und lange Ärmel oder Tücher über die Handgelenke gezogen. Ab Verlassen des Flugzeuges, d.h. mit Betreten des öffentlichen Raumes gilt in Iran für die Damen: Tragen eines Kopftuches, Tragen von nicht körperbetonter Kleidung (Brust, Taille und Po dürfen sich nicht abzeichnen) sowie langer Ärmel und selbstverständlich auch langer Hosen bzw. Röcke. Den Herren ist das Tragen von kurzen Hosen in der Öffentlichkeit untersagt. Für uns Frauen ist es sehr ungewohnt, bei gefühlten 30 Grad (auch nachts), ein Kopftuch tragen zu müssen. Die in den Unterlagen angekündigte lange Wartezeit bei den Einreiseformalitäten sollte sich bewahrheiten. Wir stehen, völlig übernächtigt und trotzdem neugierig, seit einer Stunde in einer sehr, sehr langen Schlange (Männer und Frauen noch gemischt). Am Abfertigungsschalter tut sich eine gefühlte Ewigkeit nichts. Gar nichts! Nach einer knappen Stunde geht es endlich los. Wir passieren einzeln einen der vielen Sicherheitsschalter. Ein Beamter schaut minutenlang und mit ernster Miene in meinen Pass, in mein Gesicht, in meinen Pass, tippt etwas in seinen Rechner, schaut wieder in mein Gesicht und wieder in meinen Pass. Plötzlich muss ich an das mit Kochschinken belegte Brötchen in meinem Rucksack denken. Schweinefleisch im Gepäck – wie konnte ich das vergessen! Als mein Herz langsam schneller zu schlagen beginnt, wünscht der Beamte mir auf Englisch einen schönen Aufenthalt und winkt mich mit einem Lächelnd durch. Geschafft! In der Ankunftshalle werden wir nicht wie sonst auf Flughäfen üblich von Geschäften mit Markenware, von Starbucks, McDonald´s oder bunter Werbung und Leuchtreklame erwartet. Stattdessen blicken, vom Hintergrund dunkelgrüner Wände, der verstorbene Ajatollah Khomeini und der amtierende Ajatollah Khamenei streng auf uns herab. Diese beiden altehrwürdigen Herren sollen in den kommenden Tagen unserer steten Begleiter sein. Egal ob in Hotels, in Restaurants, Museen oder auf den Straßen und Autobahnen des Landes.

Mitten in der wuselnden Menschenmenge von erwartungsfrohen Angehörigen steht ein junger Mann und winkt mit dem Logo der Reiseagentur 1AVista Reisen GmbH. Es ist unser Reiseleiter, Mohsen Eghtesad. Er nimmt uns, trotz der frühen Morgenstunde, ausgesprochen munter und fröhlich in Empfang.

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Während der einstündigen Busfahrt zu unserem Hotel in Teheran beantwortet uns Mohsen geduldig und freundlich alle Fragen, die wie Dauerregen auf ihn hernieder prasselten. Unsere erste Sorge, der Umtausch von Euro in iranische Rial, kann er uns schnell nehmen. Für jeden Reiseteilnehmer hat er einen Umschlag mit 1.650 000 Rial vorbereitet. So werden wir alle innerhalb von wenigen Minuten zu Millionären! Allerdings haben unsere anderthalb Millionen iranischen Rial umgerechnet nur einen Wert von 50,00 Euro. Trotzdem ein guter Tausch. Der offizielle Kurs beträgt 1 Euro = ca. 31.103,60 iranische Rial. Wir haben sozusagen einen Plus von 94.820 iranischen Rial sprich 3 Euro gegenüber dem offiziellen Kurs gemacht. Danach bekommen wir noch eine kleine Einweisung in den touristischen Zahlungsverkehr.

Mit einem „grünen Khomeini“ (Wert 3,00 Euro) zahlt man das Obst für ein Abendessen oder sonstige Kleinigkeiten. Ein „roter Khomeini“ (Wert 15,00 Euro) zählt nicht mehr zum Kleingeld. Mohsen verspricht, dass er uns während der gesamten Reisezeit als „mobile Wechselstube“ zur Verfügung stehen wird. Zum angesagten Kurs versteht sich. Draußen wird es langsam hell. Kurz vor 6 Uhr kommen wir im Hotel in Teheran an. Wir staunten nicht schlecht als es heißt, das Programm fängt heute aufgrund des langen Fluges erst um 10:00 Uhr an. Deshalb wird man uns auch „erst“ um halb 9 Uhr wecken. 2,5 h Schlaf nach fast 24 h Anreise!

2. Tag, Teheran, ankommen, akklimatisieren

Unser erstes iranisches „Kontinentalfrühstück“ fällt eher spärlich aus. Wir müssen uns erst an das dünne Fladenbrot, den Tee bzw. den selbstangerührten Nescafe gewöhnen. Dafür gibt es süße Datteln, grüne Rosinen und meinen Lieblingsbrotaufstrich Sesampaste mit Pistazien.

Pünktlich holt uns der Bus zur Tagesfahrt ab. Zuerst steht die Besichtigung der ehemaligen Sommerresidenz von Schah Reza Pahlavi auf dem Programm. In einer großzügigen Parkanlage erwarteten uns u.a. der weiße und der grüne Palast des ehemaligen Herrscherpaares und wir bekommen Einblicke in dessen prunkvollen Lebensstil. Eine Wucht von Spiegelsälen, Schatz- und Kunstsammlungen erwartet uns. Möbel, Geschirr, Garderobe und diversen Kunstsammlungen lassen unschwer die Nähe zum Westen erkennen.

Der ausschweifende Lebensstil, gepaart mit der umstrittenen Politik des Schahs, ebnete schließlich den Weg zur Revolution im Jahr 1979. Die Mullahs kamen an die Macht und Schah Pahlavi musste ins Exil flüchten.

Viele Schulklassen und Studentengruppen sind in der Sommerresidenz unterwegs. Verstohlen kichern die Mädchen in ihren dunklen Schuluniformen und beäugen heimlich die europäischen Touristen. Nachdem wir das freundliche “How are you? und Where are you from?” ebenso freundlich beantworten und unser Einverständnis für gemeinsames Foto geben, ist das Eis gebrochen.

Sie umschwärmen uns buchstäblich und lauschen begierig den Auskünften nach unserem woher wohin. Erst die schrille Trillerpfeife der Lehrerin kann die Mädchen wieder ordentlich in Reih und Glied bringen.

Unsere erste warme Mahlzeit nehmen wir in einem schicken Hotel in Teheran ein. Auch wenn es sich laut Aussage unseres Reiseführers Mohsen um ein typisches Touristenbuffet handelt, sind wir von der Vielfalt des Speisenangebotes und den fremden Gewürzen beeindruckt.

Wir erfahren, dass die Hauptmahlzeit im Iran mittags eingenommen wird. Dafür nehmen sich die Einheimischen entsprechend viel Zeit. Ähnlich wie im Süden Europas gibt es hier aufgrund der Hitze eine mehrstündige Mittagspause. Am Abend wird nicht mehr viel gegessen. Höchstens noch ein kleiner Snack oder etwas Obst.

Dank der allgemeinen Mittagspause bummeln wir am frühen Nachmittag durch die nahezu menschenleere Innenstadt von Teheran. Vorbei am Außenministerium und der Nationalbibliothek geht es zum Nationalmuseum.

Eine Plakette an der Außenmauer bezeichnet die Institution als „Mutter der Museen“. Hier entdecken wir doch tatsächlich den ersten Film, der jemals von Menschen gedreht wurde! Auf einem Tonkrug ist ein Steinbock abgebildet welcher, wenn man den Krug in den Händen halten dürfte und drehen würde, zu den Ästen eines Baumes hochspringt. Wahrscheinlich entstand so die Redewendung „einen Film drehen“ 🙂 . Absolut beeindruckend ist auch ein Steinrelief, welches um 500 v. Ch. entstand. Es zeigt eine lebensgroße Thronszene von König Dareios mit seinem Sohn Xerxes. Diese beiden königlichen Herrschaften regierten das erste Weltreich der Menschheitsgeschichte und werden uns auf dieser Reise noch öfter begegnen.

Auch die wertvollsten archäologischen Funde des alten Persiens können die Müdigkeit und Anstrengungen der langen Anreise nicht mehr ganz zurückhalten. Wir sind froh, als es mit dem Bus zurück zum Hotel geht. Die folgende Freizeit nutzen wir endlich zum ausschlafen oder für einen kleinen Stadtbummel auf eigene Faust.

3. Tag, erste Vorurteile werden beseitigt, Begegnung mit persischer Antike

Am folgenden Tag heißt es gleich Koffer wieder einpacken und auf in Richtung Hamadan. Etwas erstaunt und verunsichert bemerken wir, dass neben dem Busfahrer ein Herr in Uniform Platz genommen hat. Unter den Reiseteilnehmern verbreitete sich schnell das Gerücht, dass es sich bei diesem Herren wohl nur um einen der in vielen Reiseberichten erwähnten Sittenwächter handeln konnte. Vorsichtshalber überprüfen die Damen den korrekten Sitz ihrer Kleidung und Kopftücher. Als ich unseren Reiseführer Mohsen mit dieser Vermutung konfrontiere, bricht er in schallendes Gelächter aus. Nicht doch, kein Sittenwächter. Nur der 2. Busfahrer war zu uns eingestiegen. Mohsen erklärt uns, dass Reisebusfahrer in Iran ca. alle zwei Stunden bzw. vor der Einfahrt in eine größere Stadt polizeilich überprüft werden. Hierzu müssen sie den Bus verlassen und in korrekter Dienstuniform an den Polizeistationen ihr Fahrtenbuch und ihren Fahrtenschreiber vorlegen. Mit Stempel und Unterschrift werden die strengen Vorschriften von Pausenzeiten sowie technische Daten dokumentiert. Aufkleber an den Fensterscheiben der Busse fordern Mitreisende auf, nach einem Punkteplan die Unzulänglichkeiten aber auch besonders korrektes Verhalten der Busfahrer (bis hin zur Einhaltung von Gebetszeiten) direkt an den Kontrollpunkten der Verkehrspolizei mitzuteilen. Jetzt müssen auch wir schmunzeln. Peinlich, peinlich – wir sollten nicht das letzte Mal mit unseren vielen falschen Vermutungen oder Vorurteilen über Land und Leute konfrontiert werden.

Bevor wir die Stadt verlassen, gibt es noch einen kurzen Fotostopp am Wahrzeichen des modernen Teheran, dem 45 Meter hohen Freiheitsturm.

Zwischen 1969 und 1971 erbaut, ist der Freiheitsturm Teil des Azadi-Kulturkomplexes auf dem über 50.000 m² großen Azadi-Platz.
Zwischen 1969 und 1971 erbaut, ist der Freiheitsturm Teil des Azadi-Kulturkomplexes auf dem über 50.000 m² großen Azadi-Platz.

Endlich tauchen wir ein in das antike Persien der Achämeniden. In der Felslandschaft des Alvand-Gebirges, auf dem Gelände eines beliebten Naherholungsgebietes nahe der Stadt Hamadan, sehen wir die beiden in Fels gehauenen achämenidischen Schrifttafeln Ganj Nâmeh.

Die beiden Schrifttafeln nehmen Bezug auf die Monarchen Dareios und Xerxes und wurden vermutlich anlässlich von Reisen der beiden Könige erstellt.
Die beiden Schrifttafeln nehmen Bezug auf die Monarchen Dareios und Xerxes und wurden vermutlich anlässlich von Reisen der beiden Könige erstellt.

Das bunte, jahrmarktähnliche Treiben um uns herum versetzt uns in Erstaunen. Es ist Freitag und wie in allen islamischen Ländern Feiertag. Wir haben das Gefühl, die gesamte Einwohnerschaft von Hamadan und Umgebung ist hier im Park versammelt. Alle gehen einer der Lieblingsfreizeitbe-schäftigung der Iraner nach – dem Picknick.

Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen verblüfft uns. Frauen mit schwarzen Tschadoren lächeln uns offen an, fragen in englischer Sprache wie es uns geht und woher wir kommen. Die Freude scheint besonders groß als sie erfahren, dass wir aus Deutschland kommen. Genau wie bei uns zu Hause hat nahezu jeder ein Smartphone in der Hand. Als wir unser Einverständnis zum Fotografieren andeuten, gibt es kein Halten mehr.

Jeder möchte ein Foto mit uns. Umgekehrt ist es genauso. Dabei ist unter den Frauen der direkte Körperkontakt ein Muss. Vertrauensvoll legen sie die Arme um uns und ihre Köpfe an unsere Schultern. Nicht selten bekomme ich einen Kuss auf die Wange gedrückt.

In der Stadt Hamadan besuchen wir das Mausoleum des Avicenna – den Lesern des Medicus besser bekannt als Abu Ali Sina. Geboren um 980 bei Buchara und 1037 in Hamadan gestorben, hat der persische Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Astronom, Alchemist und Musiktheoretiker insbesondere die Geschichte und Entwicklung der modernen Medizin maßgeblich geprägt.

Sein Kanon der Medizin war bis in das 19. Jahrhundert ein Standardwerk in der medizinischen Ausbildung.

Zum Mittagessen führt uns Mohsen heute in ein Restaurant, in dem typisch iranische Speisen serviert werden. Es wird Dill-Reis und Khorescht-e-Gheymeh aufgetischt. Eine Tomatensoße mit Lammfleischwürfeln, zarten Pommes Frites Streifchen und Gewürzen. Dazu gibt es Joghurt. Einfach köstlich!

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Gut gestärkt geht die Reise weiter zu den Hegmataneh-Hügeln. Hier befand sich einst die antike Stadt der Meder. (Medien bestand im Altertum aus iranischen Teilprovinzen, deren Bewohner unter dem Oberbegriff Meder zusammengefasst werden.)

Am Abend unternehmen wir auf eigene Faust einen kleinen Stadtbummel. Für ca. 3 Euro fährt uns ein Taxi mitten in das abendliche Treiben und wir besuchen den Basar. Hier werden wir von den Händlern ebenso freundlich begrüßt wie am Nachmittag von den Menschen im Park. Die vielen Fragen nach dem woher und wohin lassen uns kaum Zeit, das bunte und vielfältige Warenangebot zu bewundern. Anders als auf den südeuropäischen Basaren laden uns die Händler regelrecht ein, ihre Waren zu fotografieren. Immer wieder werden uns, ganz ohne Kauferwartung, Obst und Gemüse zum Probieren gereicht.

Wir erkundigen uns nach dem Weg zu einem Restaurant und bekommen prompt und in perfektem Englisch Auskunft von einer jungen Familie. Es ist nicht einfach, in dem Gassengewirr die angegebene Richtung zu finden. Kurz entschlossen geleitet uns der Familienvater quasi bis zur Tür des Restaurants. Hier erwartet uns die nächste Überraschung. Der Wirt versteht kein Wort Englisch oder Deutsch registriert jedoch irgendwie, dass wir Deutsche sind. Kurz entschlossen wählt er eine Telefonnummer und drückt mir sein Smartphone in die Hand. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein deutschsprachiger Mann und erklärt mir, dass er der Bruder des Wirtes sei und in Deutschland lebt. Ich könnte jetzt die Bestellung aufgeben und er würde sie seinem Bruder übersetzen. So funktioniert Völkerverständigung!

4. Tag, auf ins „wilde Kurdistan“

Am vierten Tag brechen wir auf nach Kermānshāh, der wichtigsten Stadt Persisch-Kurdistans. Unterwegs legen wir einen kurzen Fotostopp ein.

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Unser erfahrener Busfahrer Mohammadi hält genau an der Stelle der Landstraße, von der aus man den besten Panoramablick hat. Bevor wir die Aussicht genießen dürfen, verwöhnt Mohamadi unsere Ohren mit einer hingebungsvollen Gesangsdarbietung. Künftig bezeichnen wir seine Einlagen als „Bus-Party“.

Überhaupt ist Mohammadi stets um unser Wohl bemüht. Ob beim Einkauf von Süßigkeiten und Melonen für die täglichen Teepausen am Nachmittag, oder bei der Versorgung mit gekühltem Mineralwasser.

Letzteres ist bei 40 Grad Außentemperatur, wie sie z.B. in unserem nächsten Zielort Kangavar herrschen, dringend notwendig. In sengender Hitze erklimmen wir die Ruinen einer über 32 m hohen Plattform, welche sich auf dem riesigen Areal eines historischen Monuments befindet. Von hier aus kann man das gesamte Kangavartal einsehen. Wir bestaunen die Überreste des Anahita-Heiligtums, das auch als Tempel der Artemis bezeichnet wird.

Weiter geht es nach Bisotun. Früher war das Dorf ein wichtiger Ort auf der Hauptverbindungsroute zwischen dem Mittelmeer und China.

Auf dem Weg zum sogenannten Berg der Götter, weist uns unser Reiseleiter auf die Skulptur des auf einem Löwenfell ruhenden Herakles hin. Eingebettet in ein mächtiges Felsmassiv, hätten wir die Plastik ohne Mohsens Hilfe wahrscheinlich übersehen.

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Ebenso das weiter oberhalb am Berg angebrachte Dariusrelief. Es zählt zum UNESCO Weltkulturerbe und zeigt den Sieg vom Achäme-nidenkönig Darios I. über seinen Hauptgegner Gaumata, dem medischen Oberhaupt der Zarathustra Priesterschaft. Die etwas darunter liegenden sogenannten Behistun-Inschriften berichten in drei Sprachen über die Siege von König Darios. Leider können wir auch mit dem Fernglas weder die altpersische, die elamische noch die neubabilonische Schrift entziffern.

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Ein weiteres kulturelles Highlight, inmitten des Zâgros-Gebirges, finden wir im Ort Taq e-Bostan. Noch heute kann man sich hier gut den ehemaligen Rastplatz an der historischen Seidenstraße vorstellen.

In einem Hotel mit stilvollem Ambiente nehmen wir unser Mittagessen ein. Wir werden mit typischen Spezialitäten der kurdischen Küche vertraut gemacht. Lamm- und Geflügelspieße sowie eine herzhaft-fruchtige Soße werden serviert.

Danach spazieren wir, vorbei an Grillrestaurants und Fladenbrotbäckereien, zum sogenannten „Gartenbogen“.

Wir finden uns in einer parkähnlichen Anlage wieder. Eine heilige Quelle mündet am Fuße einer Klippe in ein Becken. Es herrscht gelassene Betriebsamkeit. Souvenirverkäufer säumen den Weg und wie an jedem idyllischen Ort in diesem Land, finden wir Familien und Ausflügler die sich zum Picknick nieder gelassen haben. Wieder kommt es zu netten Gesprächen und wieder werden wir von den Vorbeikommenden nach dem woher und wohin gefragt.

Schnell verbreitet sich die Kunde, dass wir aus Alemania kommen und bevor wir uns versehen, landen wir mitten in einer Kompanie von Revolutionswächtern. Um unsere anfängliche Zurückhaltung, die laut Reiseführer beim Fotografieren von uniformierten Personen und öffentlichen Gebäuden in Iran gebeten wird, ist es schnell geschehen.

Völlig überraschend für uns, werden wir mit in die Aufstellung zu einem Gruppenfoto eingegliedert.

Die jungen Männer fragen sogar, ob wir nicht über diverse soziale Netzwerke mit ihnen befreundet sein möchten.

Plötzlich tauchen zwei ebenso junge Befehlshaber in grünen Uniformen auf und versuchen den Kontakt zu unterbinden. Dazu werden nicht wir, sondern ausschließlich die jungen Uniformierten aufgefordert. Zu uns ist man weiterhin betont freundlich. Es dauert eine ganze Weile, bis die Kompanie endgültig von unserer Touristengruppe getrennt werden kann. Trotzdem kommt es immer wieder zu einzelnen Kontaktversuchen, die jedoch sofort unterbunden werden. Schließlich erreichen wir den eigentlichen Zweck unseres Besuches in der Anlage. Verschiedene, in Grotten eingebettete Felsenreliefs zeigen uns Krönungszeremonien und Jagdszenen aus der Ära des Sassanidenreiches. Sie gelten als einige der am besten erhaltenen Beispiele sassanidischer Kunst.

Am Abend beziehen wir unser Hotel und unternehmen zu Fuß und in einzelnen Gruppen noch kleine Ausflüge in die Umgebung. Auch in der etwas ärmeren Vorstadtgegend begegnen uns die Einheimischen ausschließlich mit freundlicher Aufgeschlossenheit.

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Als wir an einer Fladenbäckerei vorbeikommen und freundlich grüßen, kommt sofort einer der Bäcker heraus gestürmt und überreicht uns mehrere Brotfladen als Geschenk.

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Wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft und müssen immer wieder lernen, die kleinen Gastgeschenke ohne Gegenleistung anzunehmen. Unser angebotenes Geld wird stets und strikt abgelehnt.

5. Tag, nach kurdischer Kultur freuen wir uns auf Luristan

Heute führt uns die Strecke ca. 500 km durch das Zagros-Gebirge und durch die Ebene von Khuzestan, bis hin zur Stadt Ahwaz. Unterwegs machen wir Station in der Stadt Khorramabad.

Ganz oben, auf der Spitze des gleichnamigen Hügels, thront die Festung Falak-ol-Aflak. Die Festung steht auf der vorläufigen Liste vom UNESCO-Welterbe, als Beispiel für persische Architektur. Errichtet wurde sie während der Sassaniden Ära in den Jahren 226 – 651. Von den einst 12 Türmen stehen heute nur noch acht. Eine Besonderheit der Anlage ist das unterirdische Kanalsystem von mehr als einem Meter Höhe. Früher glaubte man, dass es sich um Schlupfwinkel für die Bewohner handelte. Tatsächlich wurde die Festung jedoch aus recht feuchtigkeitsanfälligem Holz und Gestein, auf dem höchsten Punkt der Stadt errichtet. So konnte der Wind in das Gebäude eindringen, gelangte in das unterirdische Kanalsystem und „entfeuchtete“ sozusagen den Untergrund.

In Khorramabad herrscht drückende Hitze und ein für unsere Begriffe wahnwitziger Verkehr. Nicht nur in dieser Stadt. Während unserer ganzen Reise entstehen die gefährlichsten Momente, die wir je in Iran erleben, beim Überqueren einer Straße. So rücksichtsvoll und geduldig die Menschen im Umgang mit Fremden sind, so rabiat ist ihr Verhalten im Straßenverkehr. Egal ob die Ampel grün, gelb oder rot anzeigt bzw. ein Zebrastreifen den Fußgängern Vorrang signalisiert. Vorfahrt hat immer, wer einfach fährt und dazu laut hupt. Gekennzeichnete Fahrspuren werden nur als Zierornamente wahrgenommen. Selten sieht man ein Moped, auf dem nur zwei Personen sitzen.

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Oft sind es ein bis zwei Erwachsene und bis zu drei(!) Kindern gleichzeitig auf einem Gefährt, die sich waghalsig durch den Stadtverkehr schlängeln. Und das Ganze ohne Helm! Im Volksmund werden deshalb die Mopedfahrer als „Organspender“ bezeichnet. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor 🙂 .

Unterwegs begegnen wir immer wieder völlig überladenen Pickups. Häufig transportieren so Nomaden ihre Ernteerträge oder Viehfutter. Ohne jegliche Ladungssicherung und derart aufgeschichtet, dass weder ein Rückspiegel zu sehen, noch der nachfolgende Verkehr eingesehen werden kann.

Das „Nichtbeachten“ von Verkehrsregeln scheint eine der wenigen Freiheiten in diesem Land zu sein. Bei einem Benzinpreis ca. 7.000 iranische Rial = knapp 0,20 Euro pro Liter, ist das auch kein Wunder. Trotzdem, laut Wikipedia gibt es in Iran pro Stunde durchschnittlich drei Verkehrstote. Aufgerechnet sind das pro Jahr ca. 27.000 Todesopfer. Somit liegt das Land auf Rang eins des internationalen Vergleichs in Sachen Verkehrstote.

Aber nicht nur Verkehrsopfer kennzeichnen die Straßen in Iran. Wohl in keinem anderen Land der Welt werden so viele Märtyrer verehrt wie hier. Die Gesichter der jungen Männer, oft noch sehr kindlich anmutend, sind auf Postern am Straßenrand, auf Plakatwänden und Häuserfassaden abgebildet. Als wir Mohsen danach fragen erzählt er uns, dass es zum Ende des Krieges hin nicht selten vorkam, dass halbwüchsige Kinder das Geburtsdatum in ihrem Ausweis fälschten, um ihr Land gegen Saddam zu verteidigen. Unwillkürlich fällt mir dazu Remarque´s „Im Westen nichts Neues“ ein. Mohsen berichtet uns vom Überfall Saddam Husseins, am 22. September 1980, auf die ölreiche Provinz Khuzestan im Iran – von dessen Zugehörigkeit zum Irak Saddam überzeugt war. Er erinnert sich, dass in den Nachrichten Saddam gezeigt wurde, wie er eine Tasse Tee trank und sagte, schon morgen werde ich meinen Tee in Khuzestan trinken. Saddam hoffte auf einen Sieg in wenigen Wochen. Die Realität war der längste Staatenkrieg des 20. Jahrhunderts, welcher am 20.8.1988 endete. Ein wenig Bitterkeit (jedoch kein Vorwurf) liegt in Mohsens Stimme als er uns erzählt, dass 36 Länder dabei den Irak unterstützt haben und auch Deutschland z.B. Giftgas an den Irak lieferte.

Am Abend erreichen wir Ahwaz. Die Stadt liegt in der iranischen Ölregion und wurde 2011 von der Weltgesundheitsorganisation als die am stärksten luftverschmutzte Stadt gelistet. Verkehrspolizisten und Straßenarbeiter sieht man fast immer einen Mundschutz tragen. Über eine große Brücke, die den Fluss Kārun überquert, nähern wir uns dem Zentrum. Der Kārun Fluss ist der längste und einzige schiffbare Fluss in Iran. Dadurch hat er eine immense wirtschaftliche Bedeutung im Bezug auf Transportmöglichkeiten von Schwerlastgütern wie z.B. Erdöl. Am Horizont können wir die Methanfeuer von Öl-Fördertürmen erkenn. Nicht zuletzt auch wegen der Hitze sind wir froh, dass wir vom klimatisierten Reisebus direkt in das klimatisierte Hotel wechseln können.

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6. Tag, der wohl heißeste Tag während unserer Rundreise

In Erwartung der vorhergesagten 44 Grad Tagesdurchschnittstemperatur, startet unser Bus bereits um 8 Uhr. Unser erstes Ziel ist Chogha Zanbil, eine pyramiedenähnliche Priesterstadt. Unterwegs gibt uns Mohsen noch den Hinweis, dass die Ruine von Hunden bewohnt wird, die sich ganz sicher über ein kleines Leckerli freuen. Dieser Hinweis wäre vor dem Frühstücksbuffet nützlicher gewesen. In Anbetracht der Hitze und der mittäglichen Verpflegungsaussicht, hat leider kaum jemand von uns etwas Essbares dabei.

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Als unser Bus am Eingang der Ruinenstadt hält, kommen sofort einige der vierbeinigen Bewohner schwanzwedelnd auf uns zu. Allerdings ignorieren sie die Gruppe und steuern zielstrebig unseren Busfahrer an. Scheinbar ein alter Bekannter für sie. Tatsächlich hat er an die Tiere gedacht und verteilt lachend seine kleinen Gaben.

 

Iran-Rundreise_Bild_62Einmal mehr sind wir von der allgemeinen Almosenbereitschaft für Mensch und Tier im Land überrascht. Mohsen z.B. hat mir erzählt, dass er für zwei Waisenkinder eine Patenschaft übernommen hat und deren Schulbedarf finanziert. Unser Busfahrer lässt eigene Musik CDs produzieren und verkauft diese für 5 Euro pro Stück. Einen Euro behält er für sich als Unkostenbeitrag, die restlichen vier Euro spendet er für Waisenkinder. Und immer, wenn wir mittags im Restaurant unser Essen auf Platten serviert bekamen, hat er die unberührten Reste einpacken lassen und an Menschen verteilt von denen er wusste, dass sie bedürftig sind. Ein weiteres Beispiel für die Spendenbereitschaft der Menschen in Iran sind die gelb-blauen Boxen in den Städten, in denen wir fälschlicherweise Briefkästen oder Parkuhren vermutet haben. Schaut man genauer hin, kann man in ihnen nach oben geöffnete Hände erkennen. Diese gehören Fatima, der Tochter Mohammeds. In den Boxen wird Geld für die Fatima-Foundation gesammelt. Eine Hilfsorganisation, die sich um die allerärmsten im Lande kümmert. Oft konnten wir beobachten, dass Menschen dort Geld hinein warfen, die für unsere Begriffe selber bedürftig aussahen.

Iran-Rundreise_Bild_63Bei sengender Hitze sind wir wir am Eingang der Ruinenstadt Chogha Zanbil über das Angebot von breitkrempigen Strohhüten sehr dankbar.

 

 

In den Jahren 1275 – 1240 v. Chr. ließ König Untasch-Napirischa die Stadt als elamitische Residenzstadt errichten. Die ca. 100 ha umfassenden Anlage wird von einer Umfassungsmauer umgeben. Von der Stadt selber ist außer ein paar Grundmauern nicht mehr viel zu sehen. Durch eine zweite Umfassungsmauer gelangt man in den heiligen Bezirk, das Zentrum des Stadtgebietes.

In dessen Mitte wiederum befindet sich die fünfstufige und ehemals 50 m hohe Zikkurat. Mit einer Seitenlänge von 105 m gilt sie als eine der ältesten und am besten erhaltenen Tempeltürme Mesopotamiens. Der eigentliche Zugang erfolgt über Treppen im Inneren und ist, zumindest für Touristen, nicht begehbar. Eine weitere Besonderheit stellt das Bewässerungssystem der Stadt dar. Ein 50 km langer Kanal, der aus dem neben der Stadt gelegenen Fluss gespeist wurde, endete in einem noch heute sichtbaren großen Reservoir. Durch unterirdische Schlitze, die zugleich als Reinigungssystem dienten, wurde das Wasser in ein weiteres Becken geleitet. Die gesamte Konstruktion gilt heute als die älteste Wasserreinigungsanlage der Welt. Mohsen macht uns noch auf Inschriften in den Ziegeln der Mauern aufmerksam. Ohne ihn hätten wir diese niemals entdeckt.

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Wir verlassen Chogha Zanbil und sind offenbar etwas im Zeitdruck. Unser Busfahrer fährt scheinbar eine andere Route als geplant. Auf einer Schotterpiste, abseits der vorgeschriebenen Straße, vorbei an einem Bauerngehöft (auf welchem mitten in der Wüste Wasserbüffel in einem Tümpel baden) und entlang bewässerter Zuckerrohrfelder, geht es nach Haft Tepe. Mohsen ist etwas irritiert und beunruhigt. Normalerweise ist es nicht erlaubt, mit Touristen die vorgeschriebene Straßenführung zu verlassen.

Bevor wir das ca. 1500 x 800 Meter große Ruinengelände von Haft Tepe (zu Deutsch: „Sieben Hügel“) besichtigen, statten wir dem kleinen Museum davor einen Besuch ab. Hier wird in einem Modell noch einmal anschaulich das Innenleben der Priesterstadt Chogha Zanbil dargestellt. Zu den vielen Ausgrabungs- und Fundstücken im Museum zählen auch diverse tönerne Gefäße, die während der mittelelamischen Zeit für Bestattungen genutzt wurden.

Iran-Rundreise_Bild_67Im Außengelände gräbt seit 2003 auch ein deutsch-iranisches Team. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Wir bestaunen die Reste eines Tempelkomplexes, der von Lehmziegel-massen umgeben ist.

 

 

Iran-Rundreise_Bild_68Ein weiterer Höhepunkt ist ein Königsgrab, in dem angeblich ältesten Tonnengewölbe der Welt. Hier wurden 23 Skelette gefunden wobei deren ungewöhnliche Anordnung den Forschern bis heute ein Rätsel aufgibt.

 

 

 

 

 

Iran-Rundreise_Bild_69Nach der Mittagspause steuern wir für einen kurzen Aufenthalt die biblische Stadt Susa, das heutige Shush an. Wir befinden uns in einer der heißesten Gegenden der Welt. Deshalb auch nur ein kurzer Aufenthalt. Die Hitze die hier herrscht, ist fast nicht auszuhalten. Trotzdem erklimmen wir den steilen Weg zu einer alten französischen Festung. Von hier oben haben wir einen guten Ausblick auf die Stadt. Ein schönes Gebäude, dessen geriffelte Kuppel aus dem Häusermeer hervorsticht, fällt uns sofort ins Auge. Es handelt sich um das Mausoleum des Propheten Daniels – in der christlichen Religion auch als Märtyrer und Löwenbändiger bekannt. Leider dürfen nur Moslems das Innere des Gebäudes betreten, da Daniel auch bei ihnen als Prophet gilt. Daher begnügen wir uns mit dem Blick von oben.

Am Nachmittag bekommen wir die Auswirkungen der Schotterpistenfahrt vom Vormittag zu spüren. Unser Bus hat einen platten Reifen. Mohammadi bemerkt das erst unterwegs, nach der ca. einstündigen Teepause an einer Tankstelle ohne Schattenparkplatz. So fahren wir ca. eine Stunde mit 40 km/h am rechten Rand der Autobahn entlang und steuern die nächstbeste Werkstatt an.

Iran-Rundreise_Bild_70Während unsere Busfahrer den Reifen wechseln (ohne das vorschriftsmäßig weiße Uniformhemd zu beschmutzen!) verbringen wir eine weitere Stunde Wartezeit in sengender Hitze. Nach und nach realisieren wir, dass es wohl mit dem für den Abend geplanten Basarbesuch nichts mehr wird. Ein wenig Unmut macht sich breit.

Wegen der Hitze müssen wir bis zu vier Liter Wasser täglich trinken. Deshalb ist kurz vor Ahwaz noch einmal eine Toilettenpause notwendig. Wir nutzen die Anlage an einer der vielen Moscheen im Land. Das mag für uns Westeuropäer sehr ungewöhnlich anmuten. Aber es ist Vorschrift, dass im Bereich von Moscheen jederzeit Möglichkeiten der rituellen Waschungen sowie kostenlose Toiletten zur Verfügung stehen müssen. Selbstverständlich gibt es an Raststätten auch öffentliche Toiletten. Meist sind diese jedoch privat betrieben, nicht ganz so „gepflegt“ wie die Toiletten in den Moscheen und obendrein erfordern sie einen kleinen Obolus an den Betreiber. Ein „grüner Khomeni“ (das sind umgerechnet ca. 3 Euro) ist dabei für die Insassen eines ganzen Busses ausreichend. Um die Stimmung ein wenig aufzuheitern philosophieren wir über einen „Verhaltenskodex“ für Westeuropäer auf öffentlichen Toiletten in Iran. Besonders unsere männlichen Teilnehmer haben größere Gewöhnungsprobleme mit den Hocktoiletten. Wir Frauen haben uns da relativ schnell dran gewöhnt. Solange man die sechs wichtigsten Grundregeln beachtet, ist es gar nicht so schlimm.

6 Regeln für Westeuropäer auf öffentlichen Toiletten in Iran:
1. Immer Kleidungsstücke mit Taschen anhaben.
2. Immer in allen Kleidungstaschen (wenn möglich mehrere) Papiertaschentücher vorrätig haben. (in den wenigsten Fällen gibt es Toilettenpapier)
3. So wenig Gepäck wie möglich mit auf die Toilette nehmen. (es gibt keine Haken für Taschen oder Fotoapparate und der Boden ist oft durch die Wasserschlauchspülung sehr nass)
4. Das Kopftuch festzurren und dessen Enden in der Oberbekleidung verstecken. Die Sonnenbrille vom Kopf nehmen, alle losen Teile und das Handy aus den Hosentaschen nehmen und notfalls der nachfolgend wartenden Person zum Halten in die Hand drücken. (sonst machen Kopftuch oder Handy beim Vornüberbeugen Bekanntschaft mit dem nassen Fußboden oder den unendlichen Tiefen des Abflussrohres der Toilette)
5. Unmittelbar vor der Toilettentür die Hosenbeine hoch krämpeln (Spritzschutz, nackte Beine lassen sich besser mit dem vorhandenen Wasserschlauch reinigen als die Kleidung)
6. Nicht vergessen, die Hosenbeine wieder herunter krämpeln. Unbekleidete Waden sind in der Öffentlichkeit Tabu!

Als wir zurück zum Bus gehen, sehen wir eine größere Gruppe Nomaden vor dem Eingang der Moschee. Mein freundlicher Gruß „Salam“ wird sofort begeistert erwidert und es folgt prompt eine Einladung zum Essen. Irgendjemand aus der Nomadengruppe wollte oder musste sich für irgendein Ereignis in seinem Leben bedanken und hat aus diesem Anlass ein Schaf geschlachtet. Es ist üblich, dass das Fleisch des Tieres, im Rahmen eines Freudenfestes im Familienkreis und an Vorbeikommende, vor einer Moschee verteilt und oft auch gleich verzehrt wird. So erläutert es mir kurz darauf unser Reiseführer.

Iran-Rundreise_Bild_71Schade, schade, unser Bus war schon fahrtbereit. Daher konnte ich die freundliche Einladung leider nicht annehmen.

 

 

7. Tag, wir erleben nicht nur die geografischen Höhen und Tiefen sondern hören auch von Eheanbahnungen – bis hin zur Scheidung

Wir verlassen Ahwaz früh am Morgen. Ca. 550 km (rund 7 h reine Fahrtzeit!) liegen vor uns. Unser Ziel ist es, am Abend Shiraz zu erreichen. Die Stadt der Rosen und Dichter. Dazwischen soll es noch einige Kulturstopps geben.

Iran-Rundreise_Bild_72Die Fahrtzeit durch eine Ebene, deren Land-schaft fast aus-schließlich durch die Erdölindustrie geprägt ist, vertreibt uns Mohsen mit einem Bericht über seine Brautschau. Für uns immer wieder unvorstellbar werden hier die meistens Ehen arrangiert, die Ehepartner also von den Eltern ausgesucht. Mohsen ist der Meinung, dass dieses Vorgehen gar nicht so schlecht ist und vergleicht die Eheanbahnung mit dem Kauf eines Autos. Er sagt, würden junge Männer sich ein Auto aussuchen, schauen sie als erstes nach der Motorleistung, der sportlichen Form und einer schönen Farbe. Suchen die Eltern für ihren Sohn ein Auto aus, achten sie zuerst auf die Sicherheit und die notwendige Ausstattung usw. Eine Hochzeit im Iran ist sehr, sehr teuer. Es ist ganz wichtig für das Paar, dass vorher eine schöne Reise und vor allem viele, möglichst spektakuläre Fotoaufnahmen gemacht werden. Die Fotos werden dann als Höhepunkt auf der Hochzeitsfeier präsentiert. So kann es passieren, dass eine standesgemäße Hochzeit mehrere Zehntausend Euro kostet und Jahre im Voraus dafür gespart werden muss. Nach der Hochzeit folgt der „Nestbau“. Die Kosten einer gemeinsamen Wohnung „fressen“ oft den größten Teil des Verdienstes auf. Daher muss auch die Anzahl der Kinder im Voraus genau geplant und festgelegt werden. Wichtig und üblich ist ein Ehevertrag. Er garantiert, dass eine Frau auch nach einer Scheidung wirtschaftlich versorgt wird. Der Mann gilt in Iran als Ernährer der Familie ist. Die Frau kann und darf jederzeit Geld zum Familienunterhalt von ihm verlangen. Geht eine Frau arbeiten, ist ihr Verdienst ausschließlich auch ihr Eigentum. Sie kann es für sich oder für den Familienunterhalt verwenden. Die häufigsten Ehescheidungen im Iran basieren auf – man höre – Alkohol- und Drogenkonsum. Auf beides steht normalerweise die Todesstrafe! Ob das, wie Mohsen spaßeshalber sagt, auf einen großen Leidensdruck der Männer, verbunden mit einer mindestens ebenso hohen Risikobereitschaft schließen lässt, wagen wir zu bezweifeln. Außerdem ist es so, dass die Ehefrau das Vergehen des Mannes beweisen muss. Nicht nur dadurch, dass die Aussage einer Frau vor Gericht nur halb so viel wert ist wie die eines Mannes, ist die Beweisführung für sie sehr schwer. Will sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen braucht er nur vor Zeugen dreimal „talaq“ (was so viel bedeutete wie „Ich verstoße dich“) ausrufen. Iranische Männer können unter Umständen zusätzlich eine „Ehe auf Zeit“ eingehen. Ist der Ehemann z.B. über mehrere Jahre beruflich in einer fernen Stadt unterwegs, kann er dort eine sogenannte Ehe auf Zeit eingehen. Dazu bedarf es eines Vertrages über die Dauer der Zeit-Ehe sowie der Unterhaltshöhe für die Frau, die mit dem Mann diese Ehe eingeht. Weiterhin wird die Höhe des Unterhalts für eventuelle Kinder aus dieser Ehe festgelegt. Umgekehrt ist das ganze natürlich nicht möglich. Vor dem iranischen Gesetz ist der Vorgang ganz legal. Offensichtlich trifft er aber nicht unbedingt auf das Wohlwollen der Eltern, deren Töchter praktisch nur „auf Zeit“ verheiratet werden. Für unsere Begriffe ist es quasi legitimiertes und bezahltes Fremdgehen.

Nach so viel kurzweiliger Theorie in iranischem Eherecht, haben wir unser heutiges Mittagessen redlich verdient. Da in Kurangu die Gaststube des Restaurants von einer italienischen Reisegruppe komplett besetzt ist, nehmen wir in einem provisorischen Raum im Obergeschoss Platz. Der Raum ist völlig überhitzt, woran auch die laut kreischende und offenbar überlastete Klimaanlage nichts ändern kann.

Iran-Rundreise_Bild_73Es ist aufgrund des Geräuschpegels der Klimaanlage und ihres „Windkanals“ schlichtweg ungemütlich. Dafür schmeckt die in Butter gebratene und mit Rosinen und Granatapfelkernen gefüllte Forelle einfach köstlich!

 

Iran-Rundreise_Bild_74Weiter geht es zur Tang e-Chowgan-Schlucht. Hier bestaunen wir sechs Felsenreliefs aus der sassanidischen Zeit. Einem Bauern aus dem vorigen Jahrhundert waren der Wert und die historische Bedeutung der Reliefs wohl nicht bewusst gewesen. Er schlug mitten durch die Darstellung hindurch die Vorrichtung für eine Wasserleitung. Die halbrunde Aushöhlung zieht sich wie ein roter Faden durch alle sechs Reliefs hindurch.

Direkt gegenüber, eingebettet in eine schöne Landschaft, liegen die Ruinen der sassanidischen Stadt Bishapur. Sehenswert sind hier u.a. der zentrale Hof des Hauptpalastes von jeweils 22m Seitenlänge, die Reste einer frühislamischen Moschee aus dem 1. Jahrhundert sowie ein Anahita-Tempel.

Ein Wassertempel aus der Römerzeit mit unterirdischen Räumen, in denen heute Fledermäuse residieren.

Weiter geht es durch das Küstengebirge des Persischen Golfes. Wir genießen die Gebirgslandschaft und die angenehmer werdenden Temperaturen. Auf zwei Pässen von über 2220 m Höhe, gelangen wir auf die persische Hochebene.

An einer Art Grenzübergang, an welchem die Busfahrer wieder ihre Papiere vorlegen müssen und wir gleichzeitig eine „Biopause“ einlegen, lagern einige Menschen um ein Feuer herum. Eine schlanke, dunkelhäutige Frau bettelt mitten auf der Straße. Sie nötigt Autos regelrecht zum Anhalten. Als ein Fahrer nicht bereit ist, ihr einen Obolus zu geben, beschimpft und bespuckt sie ihn auf das Übelste. Mohsen ist empört. Er erklärt uns, dass es sich bei der Frau und ihrer Sippe um illegale Pakistanis handelt. Als die Frau mit zwei ihrer Kinder an der Hand auf unseren Bus zukommt, schließt unser sonst so mildtätiger Fahrer schnell die offen stehende Tür. Daraufhin versucht sie, sich unseren zurückkehrenden Reiseteilnehmern in den Weg zu stellen. Mohsen und der Busfahrer greifen sofort ein. Das Verhalten der Frau irritiert uns. Es ist das erste Mal, dass wir in Iran jemanden so offensichtlich und aggressives Betteln und zugleich von den Einheimischen abgelehnt erleben.
Gegen 19:30 Uhr erreichen wir Shiraz. Die Heimatstadt unseres Reiseführers Mohsen. Erschöpft laden wir unsere Koffer aus dem Bus und nehmen in der Empfangshalle Aufstellung zum Einchecken. Ich möchte Mohsen wie immer dabei behilflich sein. Doch er scheint mich zu übersehen. Irritiert spreche ich ihn an und mache mich bemerkbar. Umsonst. Ich bin völlig verunsichert und kann mir die Situation nicht erklären. Greife mir an den Kopf und… oh je, ich habe im Bus mein Kopftuch abgenommen und vergessen, es vor dem Aussteigen wieder aufzutun. Mohsen schämt sich offenbar für mich. Er möchte mit einer Frau, die ihr Haar nicht bedeckt, nicht in Zusammenhang gebracht werden. Es passiert etwas, was ich zu Hause in Deutschland niemals für möglich gehalten hätte. Es ist mir sehr, sehr peinlich, kein Kopftuch zu tragen! Niemand aus der Gruppe hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das stimmt mich zusätzlich traurig. Als ich den Fehler korrigiere, spricht mich Mohsen sofort wieder an, erwähnt das Vorkommnis nicht mit einem einzigen Wort und tut einfach so, als hätte er mich jetzt erst bemerkt. Als ich die Reiseteilnehmer auf die Situation anspreche gestehen sie mir, dass sie tatsächlich vermutet haben, dass ich einfach mal testen wollte, ob es auch ohne Kopftuch funktioniert. Hätte es geklappt, wären sie meinem Beispiel dann gerne gefolgt. Wir versichern uns, dass wir uns künftig gegenseitig auf solches „Fehlverhalten“ aufmerksam machen wollen.
Obwohl das Hotel von außen und in der Lobby sehr luxuriös und komfortabel aussieht, sind die Zimmer eher spartanisch eingerichtet und sehr hellhörig. Außerdem gibt es, wie in diesem Land oft üblich, keine richtige Duschabtrennung. Wenn man Glück hat, ziert ein kurzer Vorhang den Raum. Beim Duschen wird praktisch das gesamte Badezimmer geflutet. Aus diesem Grund gehören auch immer riesengroße one size Plastik-Badelatschen zur Badausstattung. Ich bin froh, dass ich meine eigenen Badeschuhe mit habe.

8. Tag, Shiraz, Persepolis, Naqsh e-Rostam, überwältigt von der vollen Wucht persischer Kultur

Wir brechen auf in die ca. 60 km entfernte altpersische Residenzstadt Persepolis. Als eine der Hauptstädte des antiken Perserreichs wurde sie 520 v. Chr., auf einer 15 ha großen Terrasse, von Dareios I. und seinen Nachfolgern errichtet und 200 Jahre später von Alexander dem Großen gebrandschatzt und zerstört. 14 Gebäude/Paläste standen einst auf dieser Terrasse und weitere Paläste wurden an ihrem Fuße ausgegraben. Heute zählt die Ruinenstadt Persepolis zum UNESCO-Welterbe.

Unterwegs berichtet uns Mohsen von der 2500-Jahresfeier der iranischen Monarchie, im Oktober des Jahres 1971. Der letzte amtierende Schah, Mohamed Reza Pahlavi, ließ dazu einen großen Teil der Ruinenstadt Persepolis restaurieren und schaffte eine touristische Infrastruktur mit Museen, Parkplätzen und Geschäften. Dann lud er Staatschefs und Monarchen aus der ganzen Welt zu einer gigantischen Feier ein. Insgesamt 69 Staatsoberhäupter folgten der Einladung. In den Ruinen von Persepolis ließ der Schah 50 Prunkzelte errichten und ein pompöser Festzug stellte die Geschichte Irans dar. Noch heute empört sich die Bevölkerung über die immensen Kosten, welche diese Veranstaltung verursacht hat. Endlich stehen auch wir am Fuße der Ruinenstadt die bis in die heutige Zeit hinein ein Identifikationsort für viele Iraner ist.

Die Stufen der doppelläufigen Treppe nach oben sind so niedrig gehalten, dass beim Hinaufsteigen jederzeit ein „würdevolles Schreiten“ möglich ist.

Erst als wir das „Tor aller Länder“, den prächtigen Haupteingang zum Areal passieren, erkennen wir das riesige Ausmaß der Stadt.

In den Ruinen des größten Palastes, dem Apadana Palast, bestaunen wir die gut erhaltenen Reliefs der Delegation der Geschenketräger. Zu sehen sind Stellvertreter von 28 Völkern, die einst dem König ihre Gaben zum Neujahrsfest brachten. Dabei werden sie abwechselnd von persischen und medischen Hofbeamten zum König geleitet.
Weiter führt uns Mohsen über die „Straße der Armee“ zum Palast von Xerxes I., dem „Hundert-Säulen-Saal. Seinen Namen erhielt der Palast, weil das Dach der Halle einst von einhundert Säulen getragen wurde. Leider existiert heute keine einzige mehr davon. Es folgen der Zentralpalast, der Xerxes Palast und der Harem des Königs Xerxes. Schließlich erklimmen wir noch einen steilen Anstieg oberhalb der Nordost-Ecke der Terrasse. Hier befindet sich eins von zwei riesigen Felsengräbern der Großkönige Ataxerxes. Leider wurde der Grabinhalt schon früh geplündert und die wertvollen Reliefs zerstört.

Iran-Rundreise_Bild_81Man erkennt jedoch noch Teile der Leibwache aus den „10.000 Unsterblichen“. Diese bildeten die Eliteeinheit des Persischen Reiches und bestanden aus-schließlich aus Persern.

 

 

Die Sonne brennt hier oben unbarmherzig aber der Panoramablick, den wir genießen dürfen, ist phantastisch.

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Während einer kurzen Pause können wir uns mit Souvenirs eindecken und mit kleinen Snacks und Getränken erfrischen. Dabei achtet Mohsen stets darauf, dass wir alles zu fairen Preisen bekommen.

Nun geht es weiter ins ca. vier Kilometer entfernte Nagsh-e Rostam, zu den vier Felsengräbern der persischen Großkönige aus der Achämeniden-Dynastie.

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Das erste Grab, von Dareios I., wurde vermutlich zeitgleich mit den Bauten in Persepolis errichtet und diente nach seiner Fertigstellung als Vorlage für alle anderen Königsgräber der Achämeniden.

Die kreuzförmige Fassade hat eine Gesamthöhe von ca. 23 Metern. Nicht nur die Breite von über 18,5 m ist identisch mit der seines Palastes in Persepolis. Auch andere Details lassen vermuten, dass die Grabfassade mit seiner Palastfassade übereinstimmen sollte. Im Inneren befinden sich drei Grabkammern mit drei Sarkophagen. Da diese im Laufe der Jahrtausende jedoch mehrfach von Grabräubern ausgeraubt und beschädigt wurden, sind heute leider nur noch Bruchstücke erhalten.

Iran-Rundreise_Bild_84Wo genau der König gelegen hat und für wen die anderen Gräber bestimmt waren, kann nicht mehr genau gesagt werden. Wahrscheinlich wurden hier auch seine Frauen sowie seine Eltern beigesetz. Gengenüber den vier Königsgräbern steht der fast 13 m hohe Feuertempel, der auch als Zarathustra-Tempel bezeichnet wird.
Nach so vielen Kultur und Geschichte haben wir uns unser Mittagessen redlich verdient. In einer wunderschönen Gartenanlage sind für uns schon die Tische gedeckt. Das Buffet, mit einer großen Auswahl an Vor- Haupt- und Nachspeisen, ist in einem gesonderten Raum angeordnet.

Mohsen hat Mühe, uns von dieser Idylle wieder weg und zur Weiterfahrt zu bewegen. Zwei niedliche kleine Kätzchen erschweren uns den Abschied besonders.

Wir fahren zurück nach Shiraz. Da wir am Morgen rechtzeitig vor der Hitze in Persepolis sein wollten und deshalb nicht am imposanten Stadttor anhalten konnten, haben wir jetzt genug Zeit für einen Fotostopp an dem Monument. Das Koran-Tor, auch „Allah Akbar“ Tor genannt, wurde im 11. Jh. n.Chr. errichtet. Karim Khan Zand, Herrscher über fast ganz Persien, ließ es im 18. Jh. restaurieren und oberhalb des Torbogens einen Koran in eine Kammer legen. Dieser sollte allen Reisenden eine sichere Heimkehr garantieren. Im Jahr 2005 fanden weitere Umbauten statt. So führt z.B. die heutige Hauptverkehrsstraße nicht mehr durch das Tor hindurch, sondern um das Tor herum.

Iran-Rundreise_Bild_87Gegen Mittag scheint das Koran-Tor ein beliebter Treffpunkt zu sein. Jedes noch so kleine schattige Plätzchen wird als Picknickplatz für einen Imbiss genutzt.

 

 

Weiter geht es zum Bāgh-e Eram Garten in den Nordosten der Stadt. Der Eram-Garten zählt wegen seines Alters, seiner Schönheit und Größe zu den schönsten Gärten in Shiraz. Seine Historie reicht bis in die Zeit der Seldschuken, also ins 11. Und 12. Jh., zurück. Einst zum Lustwandeln für Könige und Fürsten entworfen und gebaut, dient er heute der Universität von Shiraz als botanischer Garten und als Erholungsort für Besucher und Touristen.

Auf jedem grünen Rasenfleckchen sieht man junge Leute (offensichtlich Studenten) fleißig in Heften und Büchern studieren. Verstohlen händchenhaltend, genießen junge Paare die schattigen Plätze unter den Bäumen. Überhaupt sehen wir auffallend viele junge Menschen. Von Mohsen erfahren wir, dass das Durchschnittsalter in Iran 27 Jahre beträgt. Ursache hierfür ist u.a. der Irak Krieg sowie eine staatlich kontrollierte Geburtenregelung in den letzten Jahrzehnten. 70 % der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Und das in einem der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt! Dazu kommt, dass die jungen Leute einen riesigen „Bildungshunger“ haben und sehr oft einen akademischen Bildungsgrad anstreben. Nachdem sie ein medizinisches oder technisches Hauptstudium abgeschlossen haben, orientieren sie sich meist noch auf ein Zweitstudium. Aufgrund der wieder steigenden Tourismuszahlen oft im touristischen Bereich. Sie hoffen, dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Der botanische Garten ist die richtige Einstimmung auf unser heutiges letztes Ziel, das Mausoleum des bekanntesten persischen Dichters Hafez. Bereits mit acht Jahren hatte dieser den gesamten Koran auswendig gelernt und erhielt deshalb den Ehrennamen „Hafes“ – jener, der den Koran auswendig kann. In seinen vollen Namen ist auch seine Geburtsstadt Shiraz enthalten: Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī. Schon während der Fahrt heute Morgen hat Mohsen einige Verse erst auf Persisch, dann auf Deutsch für uns rezitiert. Der für unser Empfinden fast monotone und fließende Klang der Persischen Sprache ist dabei ein Genuss für die Ohren und die Seele. Das bekannteste Werk von Hafez, der Diwan, wurde erst nach seinem Tod zusammengestellt und ist in etwa 1000 Handschriften sowohl im Orient, als auch in Europa erhalten. Selbst Goethe war von ihm fasziniert und schrieb ihm zu Ehren seinen Gedichts-Zyklus „West-östlicher Diwan“.

Der Sarkophag des Dichters steht unter einem Pavillon in einer kleinen Parkanlage. Ununterbrochen ertönen aus Lautsprechern leise Musik und die sonore Stimme eines Sprechers, der die Verse Hafez´s rezitiert. Es herrscht eine für uns unerwartet ehrfürchtige Stimmung. Die Menschen sitzen leise plaudernd auf den Stufen der Gartenanlage.

Ganze Familien stehen an Hafez´s Grabmal Schlange. Vor allem Frauen rezitieren seine Gedichte, berühren den marmornen Sarkophag und legen Blumen darauf nieder. Die ganze Atmosphäre erscheint irgendwie angenehm weich, plätschernd und fließend.

Überwältigt von der vollen Wucht persischer Kultur bringt uns unser Bus zurück zum Hotel. Es liegt mitten in der Innenstadt und manche von uns steigen zwei Stationen vorher aus, um noch eine kleine site seeing Tour auf eigene Faust zu unternehmen.

9. Tag, vom quirligen Shiraz in die konservative Wüstenstadt Yazd

Bevor wir Shiraz verlassen, statten wir dem Ali Ebne-e Hamze Mausoleum noch einen Besuch ab. Von den vielen Mausoleen und Moscheen denen wir bisher begegnet sind, verfügt es über den für unsere Begriffe mit am prächtigsten ausgestatten Innenraum. Bevor wir diesen betreten dürfen, werden alle Frauen unserer Gruppe am Eingang mit Tschadoren umhüllt. Als kleine Auf-merksamkeit an die Touristen bestehen letztere ausnahmsweise einmal nicht aus schwarzem, sondern aus „üppig“ buntem Stoff. Die Tschador-Nadel, die ich in Persepolis gefunden habe, leistet mir hier gute Dienste. Sie ermöglicht mir den Gebrauch meiner beiden Hände. Für alle anderen ist es sehr umständlich, mit einer Hand den Tschador zuzuhalten und mit der anderen die Fotokamera zu bedienen und unter Umständen auch noch eine Tasche zu tragen.

Wir verabschieden uns von Shiraz und fahren über die persische Hochebene. Durch bizarre Gebirgsketten des Zagrosgebirges, vorbei an fruchtbaren Oasen, in die altpersische Residenzstadt Pasargadae.

Hier bestaunen wir die Ruinen des Apadana, des Empfangspalastes und die Monumentaltore. Einst erstreckte sich die Stadt auf ca. 300 ha. In ihrem heiligen Bezirk liegt das Grabmal König Kyros II., dem einstigen Gründer der Stadt. Jetzt von Sand und Steinen umgeben, befand sich das Grabmal einst in einem weitläufigen Garten. Noch heute sind Reste eines ausgeklügelten Bewässerungssystems zu sehen, welches zur Versorgung der Bevölkerung und der Gartenanlage notwendig war.

Weiter geht es in Richtung Yazd. In Abarkuh machen wir Stopp für eine Biopause an der Mosche und für eine Melonenpause an einem botanischen Wunder. Fasziniert stehen wir vor einer über 2.500 Jahre alten Zypresse.

Wir versorgen uns noch mit etwas Obst und Gemüse für das Abendessen, danach geht es weiter Richtung Yazd. Unterwegs halten wir kurz an einem historischen Eishaus, einem kegelförmigen Bau aus Lehm. Innen befindet sich eine ca. 4 m tiefe Grube die man im Winter abwechselnd mit Wasser und Stroh füllte und alles zusammen gefrieren ließ. Aufgrund der Architektur und der Lehmbauweise ergaben sich besonderen klimatischen Bedingungen. Sie hielten das Eis lange Zeit gefroren bzw. das daraus entstandene Schmelzwasser kühl und man konnte im Inneren verderbliche Lebensmittel aufbewahren.

„Also sprach der Zarathustra“

Am Abend erreichen wir Yazd, eine Stadt, die mich persönlich mit am Meisten beeindruckt hat. Sie ist eine der ältesten Städte Persiens und erlebte ihre Blüte zur Zeit Marco Polos, im 13. Jh. Eine Besonderheit von Yazd liegt darin, dass uns hier auf Schritt und Tritt die ungefähr 2000 Jahre v. Chr. entstandene zoroastrische Religion begegnet. Ihr Prophet war Zarathustra, dessen Name übersetzt so viel wie „Besitzer des goldenen Kamels“ bedeutet. Die Zahl Drei hat eine besondere Bedeutung bei den Zoroastriern. Sie steht für gutes Reden, gutes Denken und gutes Handeln. Das konnten wir während unseres Aufenthaltes in der Stadt auch persönlich erleben. Ein Taxifahrer, dem wir anscheinend zu viel Geld für eine Fahrt gegeben haben kam hinter uns her gelaufen, um uns den zu viel gezahlten Betrag zurück zu geben. Man sagt den Einwohnern von Yazd auch nach, dass sie niemals lügen. Bevor wir in unser Hotel einchecken ist noch Zeit, die beiden Türme des Schweigens zu besichtigen.

Zoroastrier glauben an die vier heiligen Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Dem zugrunde liegt ein ganz besonders Bestattungsritual, welches in Yazd noch bis Anfang der 70-iger Jahre hinein praktiziert wurde. Um das heilige Element Erde nicht zu beschmutzen, müssen tote menschliche Körper wieder der Pflanzen- und Tierwelt übergeben werden. Nach bestimmten Ritualen, die ausschließlich auf dem vor den Toren der Stadt liegenden Areal stattfinden durften, wurden die Toten auf einen Turm des Schweigens gebracht. Dort taten sich die Geier an den Leichen gütlich, bis nur noch ihre Knochen übrig waren, welche anschließend im heiligen Feuer verbrannt wurden. Das Ritual der Leichenwäsche, der Trauerveranstaltung und schließlich der Transport auf einen der Türme des Schweigens sowie die anschließende Einäscherung der Knochen wurde von Menschen ausgeführt, welche ausschließlich auf dem Gelände der Totenstadt lebten und den Ort ihr ganzes Leben lang nicht verlassen durften. Da die Geier wiederum ihren letzten Dienst nicht ausschließlich auf den Türmen des Schweigens verrichteten passierte es nicht selten, dass über der Stadt Leichenteile vom Himmel fielen.

So wurde 1970 das Beststattungsritual aus hygienischen Gründen verboten. Da es fortan keine Nahrung mehr für die Geier gab, sind sie dann wohl aus der Gegend verschwunden.

Einer der letzten Diensthabenden der Stadt, ein alter Mann, empfing uns vor den Toren der Stadt (weiter ist er in seinem ganzen Leben auch nicht gekommen, versichert uns Mohsen) und ließ sich gegen eine kleine Spende gerne fotografieren.

10. Tag, von der historischen Altstadt Yazd, zum Feuertempel, weiter zur Karawanserei in Nain, zum Taubenturm und weiter nach Isfahan

Wir beginnen unsere Stadtführung im Feuertempel von Yazd. Hier brennt, seit 1.500 Jahren und ausschließlich von Pflaumenholz genährt, das heilige Feuer. Zoroastrier sehen in ihm Licht und Sinnbild des höchsten Gottes Ahura Mazda. (jetzt bekommen wir eine Erleuchtung und wissen plötzlich, woher ein japanischer Automobilhersteller den Namen für seine Automarke hat)

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Amir Chakhmagh Moschee mit Holzgestell

Weiter geht es zur Freitagsmoschee von Yazd, vorbei an Windtürmen und Häusern aus der für diese Gegend charakteristischen Lehmbauweise, bis hin zur Amir Chakhmagh Moschee. Die historische Altstadt, die als Weltkulturerbe geschützt ist, besteht fast ausschließlich aus Lehmhäusern. Dank der engen Gassen ist es möglich, die Gebäude mit Balken vor dem Einsturz zu sichern. Die Amir Chakhmagh Moschee hat heute keine Funktion mehr. Außer am Ashura Tag, dem höchsten Trauerfest der iranischen Schiiten. Dann ist sie Start- und Endpunkt der Ashura-Prozession. In wiederkehrenden Prozessionen und Selbstgeißelungen gedenken die Menschen dabei an den Märtyrertod des Imam Hussein. Dabei wird ein riesiges Holzgestell über und über mit Blumen geschmückt und durch die Straßen getragen.

Nach einem Basar-Bummel verlassen wir Yazd und brechen auf in Richtung Isfahan. Vorher schauen wir uns noch einen alten Taubenturm an. Er ist heute „außer Betrieb“, hatte aber früher eine enorm wichtige Funktion. In dem Turm wurden mehrere Tausend Tauben gehalten. Deren Mist war der Grunddünger für die sonst anspruchslosen Pistazienhaine. Man sagt den persischen Pistazien nach, dass sie die besten der Welt sind.

Iran-Rundreise_Bild_127Mohsen bittet uns noch, für ein Gruppenbild vor der alten Festung Narin Qualeh Aufstellung zu nehmen. Seine Agentur benötigt neues Bildmaterial für Prospekte. Gerne erfüllen wir ihm diesen Wunsch.

 

Iran-Rundreise_Bild_128In Nain machen wir Zwischenstopp. Die Oasenstadt liegt auf einem Hochplateau in 1.500 m Höhe über dem Meeresspiegel. Berühmtheit erlangte Nain durch die Teppiche, die hier handgeknüpft werden. Es ist nicht verwunderlich, dass dort auch eine Karawanserei ansässig war.

 

Heute ist in der Anlage ein Restaurant und im Innenhof ein Basar angesiedelt. Dort verbringen wir unsere Mittagspause. Man kann sich gut vorstellen, wie hier einst Händlerkarawanen Rast machten.

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Am Nachmittag liegen noch ca. 270 km, d.h. ca. 3h Fahrtzeit vor uns, zum Höhepunkt unserer Reise, der Oasenstadt Isfahan. Man sagt, dass sie die schönste Stadt in Iran ist. Bis wir endlich ankommen, ziehen am Busfenster echte Wüstenlandschaften an uns vorüber. Windteufel, richtige Karawansereien und wilde Kamele kennen wir sonst nur aus Filmen.

Am frühen Abend haben wir es geschafft. Wir sind in Isfahan angekommen und machen gleich an einem Wahrzeichen der Stadt, der 33 Bogen Brücke, den ersten Zwischenstopp. Die 33 Bogen Brücke verdankt ihren Namen – wer hätte es gedacht – den 33 Bogen, aus denen sie gebaut ist. Sie ist eine der drei Brücken über den Zayandeh Rud und für den Autoverkehr gesperrt. Und das ist auch gut so! Denn, die Brücke ist für alle Ein- und Anwohner von Isfahan der Dreh- und Angelpunkt, der Treffpunkt und das Kommunikationszentrum schlecht hin. Was für uns die Disco, die Eckkneipe, die Bar, das Kino oder sonst eine gesellige Freizeiteinrichtung ist, verkörpert dieses Bauwerk für die Menschen der ganzen Umgebung. Am Donnerstagabend, dem Vorabend des muslimischen Feiertages, ist auf der Brücke und am Ufer fast jede Nische und jedes Fleckchen besetzt.

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Und dann hält mitten im Getümmel auch noch ein Touristenbus an. Wir steigen aus und werden von wildfremden Menschen sofort freundlich mit „Wellcome in Iran“ begrüßt und können es erst gar nicht glauben dass sie wirklich uns meinen. Wir drehen uns um und versichern uns, dass hinter uns nicht vielleicht Brad Pitt und Angelina Jolie stehen und wir gar nicht gemeint sind – aber die Menschen freuen sich wirklich über uns! Wohin wir unsere Schritte auch lenken, jung und alt, Familien oder Teenager, alle versuchen, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Junge Männer stellen sich für uns in Fotoposen, Väter sind stolz, wenn wir ihre Söhne fotografieren und die Frauen und Mädchen bitten um ein gemeinsames Foto mit uns. Diese überschwängliche „Fremdenfreundlichkeit“ macht uns ganz verlegen.

Ich stelle mir vor was passieren würde, wenn ich mitten in einer deutschen Großstadt einem Bus voll fremdländisch aussehender Menschen beim Aussteigen überschwänglich „Wellcome in Germany“ zurufen würde. Unser Bus bringt uns erst einmal zum Hotel welches mitten in der Innenstadt und so günstig liegt, dass wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auch zu Fuß erreichen können. In die Straße, in der das Hotel liegt, darf kein Bus hineinfahren und so ziehen und schieben wir unser Gepäck mühsam und erschöpft ca. 200 m den holperigen Gehweg entlang. Es ist in Iran üblich, dass jeder für sein Gepäck selber verantwortlich ist. Auch die Frauen. Wer einen Gepäckservice in Anspruch nehmen möchte, muss dieses signalisieren und auch bezahlen. In der Straße scheint ein ganzer Hotelkomplex ansässig zu sein und Mohsen erläutert uns, dass es sich hier um das Gelände einer ehemaligen Karawanserei handelt. Wir haben heute Abend noch einen Programmpunkt vor uns. Den Besuch einer Teppichmanufaktur. Daher ist Eile angesagt. Zimmer beziehen, duschen, anziehen und… ich verpasse die Zeit. Ich musste dringend meinen Lieben zu Hause ein paar Bilder und Nachrichten über WhatsApp (Facebook ist gesperrt) senden. Das funktioniert übrigens in fast allen Hotels problemlos per Wi-Fi. Nun stehe ich ganz verloren und alleine an der Rezeption. Meine Gruppe ist vor 5 Minuten losgegangen sagt man mir. Die können noch nicht so weit gekommen sein denke ich und beschließe, auf gut Glück hinterher zu laufen. Ich renne bis zur nächsten Kreuzung in der Hoffnung, noch irgendein bekanntes Gesicht im Getümmel zu entdecken. Nichts! Ich laufe einfach die nächstbeste Straße entlang und beginne wahllos Passanten auf Englisch zu fragen, wo hier eine Teppichfabrik ist oder ob sie eine Gruppe europäischer Touristen gesehen haben. Wie nicht anders erwartet, versuchen alle Angesprochenen mir irgendwie zu helfen. Leider ist die Freundlichkeit der Menschen so groß dass sie lieber eine falsche Antwort geben als gar keine. Ich versuche es in der nächsten Straße und spreche eine junge Frau an. Plötzlich kommt ein fremder Mann auf uns zugerannt, winkt und fuchtelt mit den Armen. Als er bei uns angekommen ist, redet er mit der jungen Frau auf Persisch. Diese sagt mir auf Englisch, dass der Mann nur persisch reden kann aber von anderen Passanten erfahren hat, dass ich eine Gruppe europäischer Touristen suche und er mich zu dieser Gruppe bringen kann. Ich solle ihm einfach folgen. Prima denke ich sarkastisch. Allein in einem muslimischen Land soll ich als Europäerin im Dunkeln einem wildfremden Mann ins Nirvana einer Großstadt folgen. Und… ich wage es! Im Laufschritt geht es um Häuserecken und über Ampelkreuzungen die Straßen entlang. Ich bemühe mich krampfhaft, nicht die Orientierung zu verlieren. Zu allem Übel habe ich in der Eile auch noch vergessen, mir eine Visitenkarte vom Hotel mitzunehmen. Wie gedankenlos von mir! Dabei ist das eine der wichtigsten Verhaltensregeln, die ich zu Beginn jeder Reise meinen Reisteilnehmern einschärfe, damit sie sich im Notfall mit einem Taxi wieder zum Hotel zurückbringen lassen können. Als der Mann den Eingang eines unterirdischen, dunklen Parkhauses ansteuert verlässt mich mein Mut und ich bleibe stehen. Keinen Schritt werde mehr mit ihm gehen und schon gar nicht in ein dunkles Parkhaus folgen. Er redet ununterbrochen in unverständlicher Sprache auf mich ein. Dann geht er ein Stück vor und schiebt einen Teppichvorhang beiseite, den ich vorher noch nicht bemerkt habe. Als der Teppich beiseitegeschoben war höre ich leise, aber unverkennbar deutsche Worte. Vorsichtig wage ich ein paar Schritte nach vorn und erkenne tatsächlich einige Stimmen, vor allem die von Mohsen, wieder. Ich kann es nicht fassen. Als ich mich bedanken und dem Mann ein Trinkgeld geben will, wehrt er heftig ab, verbeugt sich vor mir und verschwindet einfach. Sehr geehrter Herr Bush, von den Menschen auf ihrer sogenannten „Achse des Bösen“ konnte ich persönlich bislang nur gutes erfahren und lernen! Ob sich bei uns in Deutschland irgendjemand die unentgeltliche Mühe für einen Ausländer gemacht hätte so, wie der Mann es für mich getan hat, wage ich zu bezweifeln.

11. Tag, Isfahan, Menschen, Kunst, Kultur, Architektur, Handwerk, Picknick und viele, viele Eindrücke

Iran-Rundreise_Bild_139Isfahan an einem einzigen Tag kennen zu lernen ist unmöglich. Es lässt sich darüber spekulieren, ob man besser an einem Freitag, dem muslimischen Feiertag, oder an einem Wochentag die Stadt erkundet. Freitags ist weniger Verkehr, dafür sind mehr persönliche Begegnungen mit „feiertagsent-spannten“ Menschen möglich. Schade ist, dass mit Ausnahme weniger touristischer Sondergenehmi-gungen die Geschäfte und der Basar nicht geöffnet haben und vor allem die Freitagsmoschee nichtgläubigen den Zutritt verwehrt. Wir haben einen Power-Tag vor uns. Am Morgen bringt uns Mohsen als erstes zum Imam-Platz. Er gehört mit fast 9 ha Fläche zu den größten öffentlichen Plätzen der Welt und seit 1979 zum UNESCO-WELTKULTURERBE. Der Platz ist nahezu menschenleer. Außer dem Plätschern der Springbrunnen und dem Vogelgezwitscher ist nichts zu hören und wir können die riesige Fläche mit Moscheen, Grünanlage, Springbrunnen und Arkaden auf uns wirken lassen.

Die türkisfarbenen Kuppeln der mächtigen Moscheen sind ein Wahrzeichen der Stadt und glänzen prunkvoll in der Sonne.

Wir besuchen den zentral gelegenen und gut erhaltenen Königspalast. Eine Überraschung erwartet uns. Wir bekommen Gelegenheit, die nur wenige Schritte vom Imam-Platz entfernte Malschule des berühmten Miniaturkünstlers Hossein Fallahi zu besuchen.

Schon seit Jahrhunderten sind Herrscher und Kunstfreunde von der persischen Miniaturmalerei begeistert. Dabei beziehen sich die Themen dieser besonderen, klassischen Malerei oft auf Mythologie und Poesie.

Wir dürfen den 72 jährigen persönlich treffen. Er gibt uns sogar eine Kostprobe seines Könnens.

Zuerst trägt er einen winzigen Klecks Tusche auf seinen Daumenrücken auf. Danach tunkt er darin einen ultradünnen Pinsel aus Katzenhaar ein und beginnt sein Werk. Seine unglaubliche Ruhe und Geduld sowie seine absolut ruhige Hand faszinieren uns.

Iran-Rundreise_Bild_144Stolz präsentiert uns Hossein Fallahi anschließend eine deutsche Ausgabe aus der Geschichtsreihe des Magazins „Der Spiegel“. Die Ausgabe stammt aus dem Jahr 2010 und trägt den Titel „Persien Supermacht der Antike – Gottesstat der Mullahs“. Hier ist ein zweiseitiger, bebilderter Beitrag über ihn und seine Malschule zu finden. Mohsen reicht die Ausgabe herum und wir staunen nicht schlecht, als wir darin viele Orte, die wir auf unserer Rundreise besucht haben, gut erläutert vorfinden. Überhaupt, so Mohsen, ist diese Spiegelausgabe eines der wenigen Werke, die das alte und neue Persien mit seiner Historie und seinen politischen Hintergründen so realitätsgetreu wieder gibt, dass er persönlich diese Literatur als sehr lesenswert und informativ empfiehlt.

Iran-Rundreise_Bild_145Danach führt uns Mohsen in eine nahegelegene Werkstatt, in der die berühmten persischen Kacheln Vasen und Schmuckstücke angefertigt werden. Anschließend geht es zum Mittagessen in ein kleines Restaurant und die Zeit der allgemeinen Mittagsruhe nutzen wir, um gemeinsam einen Spaziergang im Garten der Acht Paradiese zu unternehmen.
Am Nachmittag steht das Armenische Viertel mit der Vank-Kathedrale auf dem Programm. Anfang des 17. Jh. während eines Krieges, deportierte der Safawiden-Schah Abas I. die armenische Bevölkerung der aserbaidschanischen Stadt Dschulfa in dieses Stadtviertel nach Isfahan. Die Vank-Kathedrale war eine der ersten Kirchen, welche die Armenier in ihrer neuen Siedlung bauten. Sie beeindruckt uns mit ihrer prächtigen und gut erhaltenen Innenausstattung.

Die Ausstellungen im Museum, welches gleich neben der Kathedrale liegt und ausführlich über den Genozid an der armenischen Bevölkerung berichtet, erschüttern uns.

Wir gehen zurück zum Imam-Platz. Vorbei an Basaren, durch mehrere Hinterhöfe hindurch und erreichen, umgeben von skurrilen und antiken Sammlerstücken, den Verkaufsraum einer Tuchmanufaktur.

Iran-Rundreise_Bild_148Während des eindrucksvollen Vortrages eines der Geschäftsführer werden wir in die Geheimnisse der manuellen Tuchdruckerei eingeweiht.

 

 

Iran-Rundreise_Bild_149Anschließend macht die Gruppe regen Gebrauch davon, original persische Tischdecken und Läufer, aus bedrucktem Leinen, als Mitbringsel für ihre Lieben daheim einzukaufen.

 

 

 

Iran-Rundreise_Bild_150Der Verkäufer macht uns stolz auf ein Foto an der Wand aufmerksam, auf welchem der Besuch unsers Altbundeskanzlers Schröder in eben jener Manufaktur dokumentiert ist.

 

 

Ab jetzt haben wir Freizeit. Einige der Geschäfte in den Arkaden, welche den Imam-Platz umfassen und in denen der Basar angesiedelt ist, haben am Nachmittag geöffnet. Sie bieten spezielle Kunsthandwerkerprodukte an, deren zertifizierte Herstellung von der UNESCO überwacht und gefördert wird. Während sich Teil der Gruppe dem Kauferlebnis im Basar widmet und der andere Teil Teestuben und Kaffees ansteuert, füllt sich der Imam-Platz mit Menschen.

Iran-Rundreise_Bild_153Der menschenleere Platz vom Morgen ist nicht wieder zu erkennen. Alles was Beine hat, strömt hinaus und verbringt den wunderschönen freien Spätnachmittag, wie kann es anders sein, im Kreise der Familie beim Picknick.

 

 

Pferdekutschen drehen ihre Runden, Kinder planschen in den Springbrunnen und es herrscht ein unglaubliches Gewusel und Stimmengewirr. An allen Ecken und Enden werden wir freundlich gegrüßt und wie immer nach dem woher und wohin gefragt. Nachdem wir die Stimmung auf uns haben wirken lassen, wollen wir noch ein paar Kleinigkeiten für unser am Abend geplantes Picknick an der 33 Bogenbrücke einkaufen. Wir eilen zurück zum Hotel, machen uns ein wenig frisch und auf geht es zu Fuß an die Brücke. Es ist ein unglaublich warmer und stimmungsvoller Abend. Auf den Straßen wimmelt es von Menschen.

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Als wir die Brücke erreichen, bietet sich uns ein magisches Panorama.

 

Wenn wir geglaubt haben, dass es am Tag schon kein freies Plätzchen im Bereich der Brücke gab, dann sollten wir nun eines besseren belehrt werden. Dicht an dicht sitzen, stehen und lagern die Menschen am Wasser. Als wir am Ufer entlang schlendern, rückt spontan eine Familie enger zusammen und bietet uns den freigewordenen Platz an. Bei unseren mitgebrachten Snacks, den köstlichen Pistazien und alkoholfreiem Bier lassen wir das ganze Drumherum auf uns wirken.

Iran-Rundreise_Bild_159Gegen 22 Uhr schlendern wir zurück und statten dem Innenhof des Hotels, der ehemaligen Karawanserei auf der Straßenseite gegenüber, noch einen Besuch ab. Auch hier genießen die Menschen in ganzen Familiengruppen den Abend. Lauschen der Musik aus Lautsprechern und bedienen sich an den Buffets die, selbstverständlich nach Bezahlung, für jeden Besucher zugänglich sind. Die Kunst an solchen Abenden ist es, einen freien Platz zu ergattern. Hier kommt uns die vorgerückte Stunde zugute. Gegen 20 Uhr hätten wir ohne Vorreservierung keine Chance gehabt.

 

12. Tag, Freitagsmoschee auf dem Imam-Platz, Abschied, Zwischenstopp und wieder Teheran

Unser letzter Tag bricht an. Da ungläubigen das Betreten der Freitagsmoschee auf dem Imam-Platz gestern untersagt war, wollen wir sie heute Vormittag unbedingt noch besichtigen.Iran-Rundreise_Bild_160

Der riesige Gebetsraum birgt eine unglaubliche Akustik die ähnlich funktioniert, wie die in einem Amphitheater. Der Mittelpunkt der Kuppel soll, wie in vielen anderen Moscheen die wir gesehen haben auch, einen prächtigen Pfau verkörpern, der Je nach Lichteinfall ein Rad schlägt. Die Freitagsmoschee in Isfahan wird auch als Museum der 1300 jährigen Entwicklungsgeschichte der iranischen Architektur bezeichnet. Sie ist das Ergebnis vielfacher Bau- und Restaurierungsarbeiten, die sich über mehrere Zeitepochen hinweg erstreckten.

Iran-Rundreise_Bild_163Eine Besonderheit sind die für eine Moschee völlig unüblichen Tierdarstellungen wie etwa von Pfauen, Hirschen, Gazellen und anderen Lebewesen.

 

 

Es hilft alles nichts. Wir müssen uns von dieser Pracht trennen. Unser Bus wartet schon auf uns und wir brechen auf ins ca. 450 km entfernte Teheran. Dem Start- und Zielort unserer insgesamt fast 4.000 km langen Persienrundreise. Unterwegs, in Natanz, machen wir einen letzten Kulturstopp und sehen die Moschee und den Sufi-shrine. Dann gibt es die wirklich letzte Teepause. Wir naschen noch einmal vom süßen Gebäck und dem köstlichen Mastix-Pistazienzucker und lassen insgeheim schon die vergangenen Tage noch einmal an uns vorüber ziehen. An einer Raststätte machen wir Mittagspause und haben letztmalig die Möglichkeit zum Einkaufen von Süßigkeiten, Backwerk und Nüssen. Gegen 19 Uhr erreichen wir unser Hotel in Teheran. Obwohl wir um 1 Uhr geweckt werden sollen, weil um 2 Uhr unser Bus abfährt, ist an Schlaf nicht zu denken. Zu vielseitig und überwältigend waren und sind die Eindrücke der letzten Tage. Der „harte Kern“ unserer Truppe findet sich in einer geselligen Abschiedsrunde (bei alkoholfreiem Bier und köstlichen Pistazien) in der Lobby des Hotels ein. In den frühen Morgenstunden läuft irgendwie alles wie in einem Filmabspann ab. Wir verabschieden uns schweren Herzens von unserem fürsorglichen stets auf unser Wohl bedachten und unbezahlbaren Reiseleiter Mohsen. (Liebe Damen und Herren von der Reiseagentur – mit Mohsen haben Sie einen ganz besonders wertvollen Menschen als Mitarbeiter gewonnen!) Dann geht alles ganz schnell. Frühstückspaket in Empfang nehmen, auschecken, Fahrt zum Flughafen, von unserem Busfahrer Mohamadi verabschieden, rein ins Flugzeug, Zwischenstopp in Dubai, wieder rein ins Flugzeug und Ankunft in Frankfurt. Deutschland hat uns wieder und wir sind um unbezahlbare Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen reicher geworden!

Nachwort

All denen, die in Erwägung ziehen ebenfalls eine Persienreise zu unternehmen empfehle ich, dieses so schnell wie möglich zu tun. Die Reisezeit in Iran ist aufgrund der klimatischen Verhältnisse und der ausgebuchten Hotels während der attraktiven Reisemonate sehr begrenzt. Reisesaison in Iran: Mitte März bis Ende Mai, dann erst wieder im September und eventuell noch im Oktober.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass der ausgesprochene Charme der iranischen Menschen (die „Fremden- und Touristenfreundlichkeit“ inbegriffen) auch dann noch erhalten bleibt, wenn das Land sich wieder geöffnet hat und sich ein wahrer „Touristenstrom“ über Land und Leute ergießen wird. Es ist anzunehmen, dass sich das noch exotische Bild von ungewöhnlich bunt gekleideten und seltsam verhaltenden Ausländern für die Einheimischen schnell zum strapaziösen Alltag wandeln und sie dadurch ihre unglaubliche Zugänglichkeit verlieren werden. Ich hoffe sehr, dass ich mich irre!

Weiterhin empfehle ich Ihnen vor Reiseantritt folgende Lektüre:

1. Das Magazin „Der Spiegel“ aus der Reihe Geschichte, Ausgabe Nr. 2 I 20010:
PERSIEN – SUPERMACHT DER GESCHICHTE – GOTTESSTAAT DER MULLAHS
Historische und Politische Hintergründe werden hier verständlich und kritisch veranschaulicht.
2. Das Buch von Stephan Orth:
COUCHSURFING IM IRAN – Meine Reise hinter verschlossene Türen.
Der Autor, Stephan Orth, hat im Jahr 2014 Iran mehrere Wochen als Couchsurfer bereist und somit intensiven und authentischen Kontakt zu Gastgebern und anderen Menschen des Landes erfahren.

Ich zitiere hier aus dem Umschlagsdruck des Buches:
„Westdeutsche Allgemeine“ »Stephan Orth versteht es hervorragend, Land und Leute für den Leser lebendig werden zu lassen«

Beide Empfehlungen habe ich mir erst nach der Reise gekauft und sozusagen im Nachgang verschlungen. Es hätte zum noch besseren Verständnis beigetragen, wenn ich alle darin erhaltenen Informationen schon bei Reiseantritt gehabt hätte.

Meine Reiseeindrücke haben keinen repräsentativen Wert. Sie beruhen einzig und allein auf meiner persönlichen Wahrnehmung. Mir ist durchaus bewusst, dass während einer solchen Pauschalreise für Touristen die schönsten Routen und die „Schokoladenseiten“ eines Landes präsentiert werden. Wie in jedem anderen Land der Welt auch.

Alle Jahreszahlen und historischen Daten, die ich mir während meiner Reise nicht selber notieren konnte, habe ich für diesen Reisebericht im Internet auf den Seiten von Wikipedia noch einmal überprüft und entsprechend eingefügt oder korrigiert.

 

Die Veröffentlichung oder eine öffentliche Vorführung/Vorlesung dieses Reiseberichtes ist ohne meine schriftliche Genehmigung nicht gestattet!

© Claudia Stülzebach

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