Albanien – unentdeckte Balkan-Schönheit

Am 1. November startete ich meine erste Rundreise durch Albanien mit 1AVista. „Unentdecktes Albanien“ hieß es im Katalog und ein bisschen durfte ich mich tatsächlich wie eine Entdeckerin fühlen, hörte man doch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis im Vorfeld Sätze wie: „Warum ausgerechnet Albanien?“, „Was willst du denn da?!“ und „Ist das nicht gefährlich?“

Vorweg: Albanien, das auf albanisch Shqipëri heißt, ist ein sicheres Reiseland und hat ein riesiges Potenzial, was Tourismus angeht. Das Land hat auf relativ engem Raum (es ist etwas kleiner als Belgien) 362 Küsten-Kilometer, hohe Gebirge, große Seen und fruchtbare Ebenen. Dazu bietet es neben Naturwundern auch Kultur-Touristen reiche Ausbeute. In wenigen Jahren schon kann es eine bekannte Reise-Destination sein. Zur Zeit ist Albanien allerdings noch weit entfernt vom Massentourismus – und das war für mich das Reizvolle.

Es war die letzte Reisegruppe von 1AVista für 2017, die sich am 1. November auf dem Zielflughafen Tirana einfand und von Reiseführer Ervin und Fahrer Maxi, die uns die ganze folgende Woche begleiteten, abgeholt wurde. Die Urlaubssaison in Albanien war eigentlich schon zu Ende und bald würde auch im sonnenverwöhnten Südbalkan kälteres und nasses Wetter einsetzen. Unsere kleine Reisegruppe hatte aber Anfang November noch Glück und an den meisten Tagen war es sonnig mit knapp 20 Grad.

Eine halbe Stunde fuhren wir zu unserem Hotel in einem Vorort von Durrës an der Adriaküste. In den Sommermonaten ist hier Hochbetrieb. Hotel an Hotel und Ferienanlage an Ferienanlage für vorwiegend Einheimische reihen sich hier aneinander. Jetzt aber waren wir fast die einzigen Gäste. Am Abend fuhren wir zunächst in das Zentrum von Durrës, einer größeren Hafenstadt, die schon von Griechen, Römern und Venezianern bewohnt war. Mitten in der heutigen Stadt wurde im 20. Jahrhundert das römische Amphitheater eher zufällig bei Bauarbeiten gefunden. Der Blick auf die ehemals 20.000 Zuschauer fassende Arena ist sehr beeindruckend.

Abendlicher Panoramablick über das Amphitheater in Durrës
Abendlicher Panoramablick über das Amphitheater in Durrës

Zum Abendessen ging es in ein sehr schönes Restaurant; es gab – wir befanden uns ja an der Küste – Fisch und einen ersten Eindruck der albanischen Küche.

Nationalheld Skanderbeg

Am nächsten Morgen führte uns unsere erste Tour nach Krujë (Kruja), nördlich der Hauptstadt Tirana gelegen. Hier besuchten wir die Altstadt mit der perfekt restaurierten bzw. rekonstruierten osmanischen Basarstraße und natürlich die mittelalterliche Festung mit dem Skanderbeg-Museum. Es ehrt den albanischen Nationalhelden Georg Kastrioti „Skanderbeg“ (1405–1468), dessen Name uns auf unserer Reise noch sehr oft begegnen sollte. Skanderbeg, der das Land gegen die Osmanen verteidigte, wird überall im Land verehrt. Das Museum selbst, von der Architektin Pranvera Hoxha (ja, „die Tochter von“) geplant, fügt sich wunderbar in die alte Festungsanlage und die Landschaft ein. Von der großen Terrasse aus hat man einen tollen Blick in das Tal vor Krujë und auf typische Balkan-Architektur.

Teil der rekonstruierten Basarstraße in Krujë
Teil der rekonstruierten Basarstraße in Krujë

In Krujë hatten wir einen ersten Abriss über die lange und spannende Geschichte Albaniens bekommen. Illyrer, Griechen, Römer haben ihre Spuren hinterlassen. Das Land gehörte zu Bulgarien, zu Byzanz, Venedig und zum osmanischen Reich und wurde erst 1912 in den (ungefähren) heutigen Grenzen unabhängig. Nach dem 2. Weltkrieg folgte die kommunistische Zeit unter Diktator Enver Hoxha, die schließlich in die vollständige Isolation des Landes führte. Erst 1991 öffnete sich das Land und entwickelt sich seitdem rasant.

Am Nachmittag trafen wir in der Hauptstadt Tirana ein. Die Stadt, die in den letzten Jahren großen Zuzug erfährt, dürfte momentan ca. 1 Million Einwohner haben. Das ist ein Drittel der gesamten Bevölkerung des Landes. Albanische Minderheiten gibt es allerdings auch in den Nachbarländern und es gab große Auswanderungswellen. Viele mögen die Stadt nicht, aber mir gefiel sie gut: Tirana ist jung, lebendig, überraschend bunt und … mit dem chaotischen Verkehr verstopfter Straßen geschlagen. In älteren Reiseberichten liest man, wie hässlich die Stadt sei. Aber es hat sich viel verändert: Edi Rama, ehemaliger Bürgermeister von Tirana, Künstler und heutiger Ministerpräsident des Landes, hat viel bewegt in Richtung einer lebenswerten Stadt und was er im Jahr 2000 angestoßen hat, setzt sich in einer guten Stadtplanung fort. Wir hatten Zeit, das Zentrum auf eigene Faust zu erkunden, die schönen, jetzt bunten, Fassaden zu bestaunen, die uralte Moschee oder Kirchen zu besuchen, den realtiv neuen „grünen Markt“ mit den umliegenden netten Cafés oder uns einfach treiben zu lassen, bevor wir am Nachmittag das große Nationalmuseum (natürlich am Skanderbeg-Platz gelegen!) besuchten, das die ganze Geschichte des Landes von der ersten Besiedlung durch Menschen bis zu den Schrecken der kommunistischen Zeit sehr gut und verständlich aufbereitet hat. Wieder war es unser albanischer Reiseleiter Ervin, der hier, wie auch jeweils auf den Fahrstrecken zwischen den Orten, zum Verständnis von Land und Leuten beitrug.

Nationalmuseum am Skanderbegplatz
Noch vor einem Jahr war das Nationalmuseum verkehrsumtost, jetzt ist ein großer Platz entstanden.

Der nächste Tag führte uns tief ins Landesinnere, nach Berat (Berati), wo wir zunächst die riesige Burganlage (Kalaja) besuchten. Es ist eine eigene kleine Stadt, die da zwischen den gut erhaltenen historischen Mauern steht, mit Wohnhäusern, Gastronomiebetrieben, Herbergen, Kirchen und Moschee-Ruinen. Es leben immer noch eine ganze Reihe Familien auf der Anlage. Man kann hier ein Ikonen-Museum besuchen oder einfach durch die kleinen Gassen streunen. An jeder Ecke gibt es Interessantes zu entdecken oder Ausblicke auf das Tal zu bestaunen. Besonders malerisch ist die am Hang gelegene kleine Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit (Shën Triadha).

Blick von der Burg Berat in's Tal
Blick von der Burg Berat in’s Tal

Die eigentliche Stadt Berat liegt im Tal, am Fluss Osum. Schon 1961 wurde sie zur Museumsstadt ernannt und seit 2008 ist die Altstsadt auch UNESCO-Welterbe. Warum man sie „Stadt der 1.000 Fenster“ nennt, erkennt man vom Flussufer aus sofort: Die kleinen Altstadt-Häuser mit den engen, manchmal nur schulterbreiten Gassen sind so dicht aneinander und steil in den Berg gebaut, dass man glaubt, nur Fenster zu sehen. Mir gefiel es, hier auf eigene Faust auf Entdeckungstour zu gehen und anschließend noch den neueren Teil der Stadt mit dem schönen, breiten Corso, gesäumt von modernen Cafés, Bars und Restaurants zu durchwandern und in der Sonne sitzend einen Kaffee zu genießen.

Antike Stätten, wundervolle Landschaften

Von hier aus waren es nur noch 57 Kilometer bis Apollonia, wegen der teilweise sehr schlechten albanischen Straßenverhältnisse dauert solch eine Fahrt allerdings noch anderthalb Stunden. Die Ruinen der antiken griechischen Stadt, 588 v. Chr. als dorische Kolonie von Korfu gegründet, erreichten wir erst am späten Nachmittag. Angeblich ist hier erst 1 Prozent ausgegraben, wobei das wieder aufgerichtete Portals eines Tempels am beeindruckendsten ist. Sehr gut gefallen hat uns allen das kleine, sehr, sehr feine Museum in einem aufgegebenen Kloster gleich nebenan. Hier werden Funde aus Apollonia ausgestellt, die man Wind und Wetter nicht preisgeben möchte. Als wir die antike Stätte verließen, ging schon die November-Sonne unter und die Küstenstadt Vlorë (Vlora) erreichten wir erst spät, so dass man bei der Fahrt vorbei an Stadtstrand und hübsch gemachten Promenaden nur erahnen konnte, was für ein schöner Ort es wohl – besonders im Frühjahr und Sommer – sein muss. Wir bezogen ein ausgezeichnetes Hotel am Ende des Ortes, wieder direkt an der Küste gelegen und aßen in einem fußläufig entfernten Restaurant zu Abend.

Von Vlorë aus ist Italien (der Absatz des italinischen Stiefels mit Brindisi) nicht weit und es gibt einen regen Fährverkehr, besonders in den Urlaubsmonaten. Uns aber zog es weiter, ganz in den Süden Albaniens. Und da führte unser Weg durch den Llagora Nationalpark und über den gleichnamigen Pass nach Sarandë (Saranda). Die serpentinenreiche Fahrt machte meinem Magen arg zu schaffen, aber die Ausblicke waren es wert: Wunderschöne, in bunte Herbstfarben getauchte Hügel und Täler wechselten sich ab, um später, auf der anderen Seite des Passes, in ein Karstgebirge überzugehen, das uns in endlosen Straßenschlingen hinab brachte an den Punkt der Küste, wo Adria und Ionisches Meer zusammentreffen. An einem besonders schönen Aussichtspunkt standen wir eine ganze Weile inmitten dieser menschenleeren, traumhaft schönen Berg- und Küsten-Kulisse und genossen den beinahe sakralen Moment.

Aussichtspunkt am Zusammentreffen von Adria und Ionischem Meer
Aussichtspunkt am Zusammentreffen von Adria und Ionischem Meer

Angekommen in Sarandë, wo wir auch übernachteten, gab es gleich wieder ein Kontrastprogramm, das das kleine Land so vielfältig macht: Ein lebendig-fröhlicher Ort an einer schönen Meeresbucht mit Urlaubsfeeling, Hotels, Palmen, Promenade, Kreuzfahrtschiffen, Fischerbooten und allem, was dazu gehört. Nach einer kleinen Stärkung ging es aber noch einmal weiter, noch ein kleines Stück südlich die Küste entlang, dahin, wo man Korfu und Griechenland zum Greifen nah hat: Butrint.

Butrint, auf einer Halbinsel am wunderschönen Butrintsee gelegen, hat mich restlos begeistert. Alle Kulturen, die auf heute albanischem Boden siedelten, haben sich hier verewigt. Kein Wunder, denn schon Griechen, Römer, Venezianer & Co. wussten, wo es besonders schön und das Klima gut ist. Inmitten eines ausgedehnten Lorbeerwaldes gelegen, kann man hier viele Stunden wandernd und staunend über die kulturellen Hinterlassenschaften der Jahrtausende verbringen. Die sehr schön gepflegte Anlage ist ein Juwel, eine Zeitreise und nicht zuletzt seit 1992 UNESCO Weltkulturerbe. Zu anderen Jahreszeiten tummeln sich hier vermutlich viele Touristen, am Ende der Saison aber verliefen sich die drei zeitgleich mit Führung durchgehenden Gruppen auf dem riesigen Areal.

Routenverlauf "Unentdecktes Albanien" (links) und venezianisches Kastell in Butrint (rechts)
Routenverlauf „Unentdecktes Albanien“ (links) und venezianisches Kastell in Butrint (rechts)

Naturschauspiel und Weltkulturerbe

Am nächsten Vormittag führte uns unser Weg zunächst vermeintlich „irgendwo ins Nirgendwo“. Schotterpiste und kein Mensch zu sehen, dann ein Parktplatz inmitten der Natur. Nach einem kurzen Fußweg standen wir dann am „Blauen Auge“ (Syri i Kaltër), einer tiefen Quelle, die wirklich aussieht wie ein riesiges blaues Auge, das zu einem Flüsschen und schließlich zu einem Bergsee wird. Dies ist angeblich die größte Quelle Albaniens, sie liegt in einem Naturschutzgebiet und man kann nur hoffen, dass sie niemals an internationale Großkonzerne verkauft wird, sondern offen zugänglich für jedermann bleibt. Ihrer Schönheit und Reinheit kann sich wohl niemand entziehen und auch wir nutzen natürlich die Gelegenheit, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Wie köstlich das kristallklare kalte Wasser der Bergquelle schmeckte!

Syri i Kaltër – das "Blaue Auge"
Syri i Kaltër – das „Blaue Auge“

Nach dem beeindruckenden Naturschauspiel ging es weiter Richtung Gjirokastër (Gjirokastra), einem weiteren UNESCO-Weltkulturerbe. Aber zunächst beeindruckte die Fahrt durch die breite Dropull-Ebene des Drino-Tals, umgeben von mächtigen Gebirgen, das mich sehr an die weiten Ebenen im Westen der USA erinnerte, und ein Stopp in der angeblich besten Pâtisserie des Landes. Hier war (es war Sonntag) vermutlich die halbe Umgebung zu Kaffee und Kuchen versammelt und ja, es war wirklich alles sehr exquisit.

Schafherde in der Dropull-Ebene vor Gjirokastër
Schafherde in der Dropull-Ebene vor Gjirokastër

Gjirokastër ist ein wichtiges kulturelles Zentrum und berühmt für seine Jahrhunderte alten Wohnhäuser, die aussehen wie kleine Trutzburgen. Leider verfallen viele von ihnen, denn es fehlt das Geld sie zu erhalten. Hier könnte der aufkommende Tourismus wirklich etwas Gutes bewirken.

Weltkulturerbe, das es zu retten gilt: Eines der typischen Häuser in Gjirokastër
Weltkulturerbe, das es zu retten gilt: Eines der typischen Häuser in Gjirokastër

Über der Stadt thront eine schöne Burganlage, die gleichzeitig beliebter Aussichtspunkt auf die Geburtsstadt Enver Hoxhas und des bekanntesten albanischen Schriftstellers, Ismail Kadare, ist. In Kadares Buch „Chronik in Stein“, das auch in Deutschland erschienen ist, beschreibt er die Ereignisse in der Stadt während des Zweiten Weltkriegs. Zwischen steilen Altstadtgassen mit historischen Gebäuden gibt es viel zu sehen, Souvenirs zu kaufen und auf den schönen Terrassen kleiner Restaurants kann man wunderbar eine Pause einlegen.

Von Gjirokastër fuhren wir weiter nach Norden, in die Kleinstadt Përmet. Hier gibt es nicht viel zu sehen, aber die Stadt war ein guter Ausgangspunkt für die nächste und spektakulärste Etappe unserer Reise am nächsten Tag. Außerdem waren wir in Përmet eingeladen, eine albanische Familie zu Hause zu besuchen und viel über ihren Alltag zu erfahren. Man ließ uns zwei Spezialitäten des Landes probieren, die praktisch jeder Haushalt selbst zubereitet: Raki und Gliko (in Sirup eingekochte Früchte).

Durch das Land der Skipetaren

Als ich am nächsten Morgen aus dem Hotel schaute, sah ich Karl Mays „Schluchten des Balkans“ vor mir. Oder besser: „Das Land der Skipetaren“. Wobei Mays Skipetaren-Land genau genommen im heutigen Mazedonien liegt. Aber hier begannen sie, die wilden Schluchten mit den kleinen Flussläufen und den hohen Bergen. Da wundert es wenig, dass Përmet auch Ausgangspunkt für mehrtägige geführte Trekking-Touren in die wildromantische Umgebung ist.

Die Fahrt mit unserem Van führte uns mehrere Stunden durch die atemberaubenden, menschenleeren Gebirgslandschaften des Nationalparks Bredhi i Hotovës. Zwischendurch konnten wir auch mal ein Stück zu Fuß laufen oder legten einen Kaffeestopp an drei einsamen Häuschen im Nirgendwo ein. Unser Fahrer Maxi fuhr uns auch auf diesem anspruchsvollen und anstrengenden Teil der Tour besonnen und ruhig und ich fühlte mich jederzeit sicher. Dieser Teil der Reise war nicht nur für mich, obwohl es in der ganzen Woche viel zu bestaunen gab, der absolute Höhepunkt. Man sollte, wenn man eine organisierte Rundreise in Albanien bucht, also unbedingt darauf achten, dass dieser Teil der Route zwischen Përmet und Korcë mit dabei ist.

Unser Van inmitten des Nationalparks Bredhi i Hotovës
Unser Van inmitten des Nationalparks Bredhi i Hotovës

Mittags picknickten wir auf einem im Sommer vermutlich sehr beliebten Campingplatz mit Schafen, Fischteichen, Enten und Gänsen inmitten dieser tollen Natur. Die mitgebrachten Paprika, Tomaten, Gurken vom Markt, das Brot, der Schafskäse und der Rotwein unter freiem Himmel waren uns hier das köstlichste Mahl der Welt.

Am späten Nachmittag trafen wir in der Stadt Korcë (Korça) ein. Nach diesem fantastischen Tag in der Natur war die Stadt für mich eine Enttäuschung, obwohl sie über einige schöne Bauwerke verfügt. Das alte Basarviertel wurde gerade saniert und war daher komplett geschlossen. Zur Übernachtung ging es aber ohnehin weiter in die Kleinstadt Pogradec (Pogradeci) in ein modernes Hotel, bei dem ich erst am nächsten Morgen, als die Sonne wieder aufging, sah, dass es direkt am Ohridsee liegt. Was für eine Aussicht!

Der riesige See ist einer der ältesten der Welt und bis zu 287 Meter tief. Er ist seit 1979 UNESCO-Welterbe. Unser Weg führte uns heute an der Ostseite entlang bis in den Ort Ohrid, der in Mazedonien liegt. Zuvor machten wir einen kurzen Stopp auf einer der ehemaligen Hoxha-Residenzen, heute ein Restaurant in Seenähe, und nach dem relativ reibungslosen Grenzübertritt nach Mazedonien Halt im Kloster Sankt Naum (Sveti Naum). Alles in dieser weiläufigen Anlage ist hübsch gemacht und für den Ansturm von größeren Touristenmassen gerüstet. Es wirkt ein wenig wie eine Mischung aus Kloster und Freizeitpark und allein die einmalig schöne Lage direkt am Ohrid-See ist einen Besuch wert. Wir waren, wie mehrfach in diesen Tagen außerhalb der Saison, fast allein auf weiter Flur.

Kloster Sveti Naum über dem Ohridsee
Kloster Sveti Naum über dem Ohridsee

In Ohrid schließlich übernahm ein mazedonischer Fremdenführer, Michael, unsere Gruppe und zeigte uns die Altstadt von der Festung ausgehend über archäologische Stätten, eine orthodoxe Kirche mit uralten, fantastischen Fresken (leider Fotografieverbot) bis hinunter zum Seeufer. Leider hatte sich inzwischen das Wetter verschlechtert, so dass wir die hübsche und touristisch schon sehr erschlossene Stadt am See leider nicht richtig genießen konnten.

Langsam wurde allen klar, dass die letzte Etappe unserer Rundreise begonnen hat. Das nun einsetzende kältere Wetter sollte wohl den Abschied etwas erleichtern. Es ging wieder über die Grenze zurück nach Albanien und mit einem Stopp in Elbasan, wo die alte Stadtmauer noch erhalten ist, zurück zu unserem ersten Hotel am Strand von Durrës. Hier zeigte sich am nächsten Vormittag noch einmal die Sonne bei knapp 20 Grad, bevor wir alle wieder nach Tirana zum Flughafen gebracht wurden. Da wir unterschiedliche Routen nach Hause hatten, hieß es hier Abschied nehmen voneinander, aber auch von einem Land, das es unbedingt zu entdecken gilt. Den Norden mit seinen „Albanischen Alpen“ haben wir auf dieser Reise nicht gesehen, das passt leider nicht in eine einwöchige Route. Ich würde diesen Teil des Landes zusammen mit Montenegro aber sehr gerne auf einer weiteren Reise mit 1AVista erkunden: „Faszination Balkan“.

Ein paar sehr persönliche Eindrücke und Gedanken zum Abschluss:

Was ist (derzeit) typisch für Albanien?

Albanien hat mit enormer Landflucht zu kämpfen. Wer noch auf dem Land lebt, ist i.d.R. Selbstversorger. Jeder hat ein paar Hühner, Gänse, Schafe, Ziegen, Kühe, einen Esel etc. Die Tiere haben freien Auslauf, daher kann es passieren, dass einem eine Kuh, ein Pferd oder einer der zahllosen Straßenhunde die (oft löchrige) Straße versperrt. Manchmal sieht man jemand seine fünf Gänse hüten oder öfter auch Hirten mit einer größeren Schafherde umherziehen. Albanien hat bislang keine Massentierhaltung. Auf den Feldern wachsen viele Sorten an Obst und Gemüse, es werden Weintrauben, Zitrusfrüchte und Oliven angebaut. Die Menschen verkaufen überall im Land ihre Produkte am Straßenrand. Die Produkte sind frisch und von hoher Qualität. Essen und Trinken sind für unsere Verhältnisse selbst in besseren Restaurants sehr preiswert, das einheimische Bier und der Wein sind gut.

Im ganzen Land sieht man unglaublich viele Bauruinen und mehr oder minder illegal errichtete Gebäude, überall liegt Müll verstreut (sogar in sehr abgelegenen Regionen) und Bauschutt wird in die Landschaft gekippt. Ein Umweltbewusstsein muss sich erst entwickeln.

Im Jahr 2017 ist Albanien (noch) ein Land ohne Burger-Buden, schwedische Möbelhäuser, westliche Tankstellenketten, ALDI, LIDL & Co. Einheimische Tankstellen gibt es an jeder Ecke. Die Hälfte aller Autos auf albanischen Straßen sind alte Mercedes. Westliche Hotelketten werden sicher bald das Land erobern, in der Hauptstadt kann man schon einige finden. Bei einheimischen Hotels darf man die Sterne-Klassifizierung nicht allzu ernst nehmen, sie sind aber meist liebevoll geführt.

Wohin entwickelt sich Albanien?

Alles ist möglich, denn alle Optionen sind vorhanden. Albanien möchte schnellst möglich in die EU. Man orientiert sich generell stark an Europa, das Regierungssystem ist eine parlamentarische Demokratie. Noch hat man allerdings mit vielen Problemen, auch Korruption, zu kämpfen. Länder wie die Türkei oder Saudi Arabien versuchen ebenfalls Einfluss im Land zu gewinnen. Die stets und überall in Albanien beschworene Toleranz allen Religionen gegenüber hat eine lange Tradition, die man auf die Zeit Skanderbegs zurückführt; der Kommunismus hat sicher sein übriges getan. Religionszugehörigkeit spielt tatsächlich bislang keine große Rolle in der Gesellschaft und es ist egal, ob man Christ (orthodox, katholisch) oder Moslem (Sunniten und Bektashi) ist.

Wer mehr über die religiöse Toleranz der Albaner wissen möchte, dem sei ein Artikel der Deutschen Welle empfohlen.

LerserInnen, die noch mehr über einzelne Regionen und Städte Albaniens nachlesen möchten, sei der tolle Unterwegs Reiseblog von Simon Rucker empfohlen.

Regina Arentz
Alle Fotos: Regina Arentz

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